NS-Zeit: Studie dokumentiert Verbrechen in der Rotenburger Diakonie

Nachricht 18. April 2017

Rotenburg/Wümme Der Bochumer Historiker Uwe Kaminsky hat die Verstrickungen des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg in Zwangssterilisationen und Tötungen behinderter Menschen während der NS-Zeit untersucht. Die Ergebnisse sollen nach Angaben der diakonischen Einrichtung am 26. April in Rotenburg öffentlich präsentiert werden. Außerdem wolle der Vorstand des Mutterhauses Stellung nehmen, welche Konsequenzen er aus der Studie ziehen wolle, hieß es im Vorfeld.

Kaminsky hat die Geschichte des Mutterhauses zwischen 1905 und 1955 untersucht und dabei insbesondere die Rolle des langjährigen Vorstehers Johannes Buhrfeind unter die Lupe genommen. In seiner Amtszeit von 1903 bis 1942 war der Theologe auch Leiter der damaligen Rotenburger Anstalten, die heute Rotenburger Werke der Inneren Mission heißen. Zudem wurde unter seiner Leitung das Krankenhaus in Rotenburg gegründet.

Kuratorium und Vorstand des Diakonissen-Mutterhauses hatten Kaminsky mit der Forschung beauftragt, die den Angaben zufolge mehr als ein Jahr dauerte. Seine Ergebnisse dokumentierte der Wissenschaftler der Ruhr-Universität in dem knapp 250-seitigen Buch "Über Leben in der christlichen Kolonie", das im vergangenen Jahr im Rotenburger Verlag Edition Falkenberg erschien.

Im Vorwort schreibt Kuratoriumsvorsitzender und Landessuperintendent Hans Christian Brandy, es sei wichtig gewesen, die Zusammenhänge rückhaltlos aufzuklären. Die Studie zeige, dass die Rotenburger Anstalten unter Buhrfeind in das NS-System von Zwangssterilisation und der systematischen Ermordung von Menschen mit Behinderung eingebunden gewesen seien: "Das kann uns nur mit Scham erfüllen." In Rotenburg sind ein Haus inklusive Saal und eine Straße nach Buhrfeind benannt.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Weitere Informationen

Die öffentliche Präsentation der historischen Aufarbeitung zur Geschichte des Diakonissen-Mutterhauses insbesondere mit Blick auf die Verstrickungen der Einrichtung in Zwangssterilisationen und Tötungen behinderter Menschen in der NS-Zeit findet am 26. April ab 19.30 Uhr im Buhrfeindsaal auf dem Mutterhausgelände in Rotenburg statt.

Buchhinweis: Uwe Kaminsky, "Über Leben in der christlichen Kolonie", Verlag Edition Falkenberg Rotenburg/Wümme 2016, 246 Seiten, 19,90 Euro

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