Jüdisches Kolleg ordiniert erstmals Rabbiner in Norddeutschland

Nachricht 28. November 2016
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Die Tora in der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover. epd-bild / Patrice Kunte

Hannover/Potsdam. Das Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg lädt in der kommenden Woche zur ersten Ordinationsfeier in Norddeutschland für neue jüdische Rabbiner und Kantoren ein. In der Synagoge Etz Chaim in Hannover sollen am 1. Dezember drei Absolventen des liberal ausgerichteten Rabbinerseminars in ihre Ämter eingesetzt und eingesegnet werden, wie das Kolleg mitteilte. Zwei Rabbiner werden anschließend in Frankreich und Ungarn tätig sein, ein Kantor wird in Hannover arbeiten.

Zu der Feier werden als Ehrengäste unter anderem Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erwartet. Die Präsidentin der "Central Conference of American Rabbis", Rabbinerin Denise L. Eger, reist eigens aus Los Angeles an - sie vertritt weltweit 2.200 Rabbinerinnen und Rabbiner. Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird durch Vizepräsident Abraham Lehrer aus Köln vertreten. Zudem haben mehr als vierzig Rabbinerinnen und Rabbiner aus dem In- und Ausland sowie Repräsentanten anderer Religionen ihr Kommen angesagt.

Der in Potsdam ausgebildete Kantor Assaf Levitin wird künftig an der Synagoge Etz Chaim der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover tätig sein, sagte der Sprecher des Kollegs, Hartmut Bomhoff, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er erhält bei der Feier seine Investitur. Die hannoversche Gemeinde ist mit rund 700 Mitgliedern die größte liberale jüdische Gemeinde in Deutschland. Zum Rabbiner ordiniert werden Ariel Pollak, der in Budapest arbeiten wird, und Lior Bar-Ami, der seinen Dienst in Toulouse antritt.

Die ersten Absolventen des 1999 gegründeten Rabbinerseminars wurden 2006 in Dresden eingeführt. Seitdem wurden mehr als 20 Frauen und Männer in ihre Ämter als Rabbiner eingesegnet, dazu mehrere Kantorinnen und Kantoren - zuletzt im August 2015 in Bielefeld und davor im September 2014 im polnischen Breslau. Sie sind heute in verschiedenen deutschen Städten sowie im europäischen und außereuropäischen Ausland tätig.

Das Kolleg ist nach dem jüdischen Reform-Rabbiner und Gelehrten Abraham Geiger (1810-1874) benannt. Es führt die Tradition der 1872 eröffneten und 1942 von den Nazis geschlossenen Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fort und gehört zur Weltunion für Progressives Judentum. Seit 2008 bildet es auch Kantoren aus, die unter anderem als liturgische Vorbeter und Sänger im Synagogen-Gottesdienst tätig sind. Rektor des Kollegs ist Professor Walter Homolka, der früher zeitweise liberaler Landesrabbiner in Niedersachsen war. Im liberalen Judentum haben anders als im orthodoxen Judentum Frauen alle religiösen Rechte.

Seit 2009 werden auch wieder orthodoxe Rabbiner in Deutschland ordiniert. Bisher erhielten in München, Leipzig, Köln, Würzburg und zuletzt im vergangenen September in Frankfurt/Main insgesamt elf orthodoxe Rabbiner nach einem Studium ihre Ordinationsurkunden.

epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen