Letzter EKD-Ratsbericht von Nikolaus Schneider

Nachricht 08. November 2014

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ - Gottes Liebe als Grund unseres Lebens

Der scheidende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat am heutigen Sonntagvormittag vor der Synode der EKD seinen letzten Ratsbericht gehalten.

Schneider stellte den Bericht unter die Losung für das kommende Jahr 2015 „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ (Römer 15,7). In seiner Rede gab er auch Rechenschaft über sein persönliches theologisches Denken. Er benannte die vorbehaltlose und liebevolle Annahme des Menschen durch Gott als Grundlage persönlicher Nachfolge und kirchenleitenden Handelns: „Gott hat uns zuerst geliebt. Als Geliebte werden wir zu Liebenden und können Gottes Liebe untereinander und für die Welt erfahrbar werden lassen.“
 
Das Bekenntnis „Gott ist die Liebe“ dürfe aber das Leiden und Sterben Jesu Christi am Kreuz nicht ausblenden, so der Ratsvorsitzende weiter. Sonst könne es „all dem Leiden von Menschen in unserer Welt nicht standhalten, nicht in der Ukraine und nicht im Irak, nicht in den Flüchtlingsbooten auf dem Mittelmeer, nicht in den Folterkammern der Gewaltherrscher, nicht in den Krebsstationen unserer Krankenhäuser und nicht an den Gräbern geliebter Menschen“.
 
Im seinem Bericht vor der Synode, dem Kirchenparlament der EKD, bekräftigte der Ratsvorsitzende das friedensethische Leitbild vom „gerechten Frieden“ und den Vorrang gewaltfreier Konfliktlösungen. Es stelle sich aber die Frage, „wie Christenmenschen sich zu dem Einsatz militärischer Gewalt stellen sollen, wenn alle anderen Formen der Konfliktprävention und -bearbeitung versagen“. Angesichts des Wütens der Terrormiliz IS halte er bei der Frage des Schutzes und der Hilfe für die bedrohten Menschen den Fall der "ultima ratio" gegeben, in dem „rechtserhaltende Gewalt“ als „letztes Mittel“ angewendet werden dürfe, sagte Nikolaus Schneider. Es sei nachvollziehbar, dass die Bundesregierung in diesem Fall zu der Entscheidung käme, Waffen zur Unterstützung kurdischer Kämpfer zu liefern. „Das Evangelium ruft uns nicht dazu auf, tatenlos zuzusehen, wie andere Menschen gequält, geköpft, vergewaltigt und versklavt werden“, betonte der EKD-Ratsvorsitzende. Dabei wies er auch auf die verzweifelte Lage der Christen in der Region hin. Zugleich bat er darum, in Friedensgebeten sowie in der Bereitschaft zu spenden und in der Flüchtlingshilfe nicht nachzulassen.
 
Schneider äußerte sein Erschrecken darüber, dass als Folge des Gaza-Krieges Antisemitismus und Judenhass in Deutschland wieder eine Bühne gefunden hätten. Er sei den muslimischen Verbänden in unserem Land „sehr dankbar für die Klarheit, mit der sie sich von jeder Form des Antisemitismus distanziert haben“. Der Ratsvorsitzende wandte sich auch gegen eine Islamophobie, die den Islam pauschalisierend als gewalttätige Religion identifiziert. „Gott will, dass wir über die Grenzen unserer Religionsgemeinschaften hinaus in Frieden miteinander leben“, erklärte Schneider.
 
Im Blick auf das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche ist die Jahreslosung „Nehmt einander an …“ nach Auffassung des Ratsvorsitzenden eine bleibende ökumenische Herausforderung. Im Blick auf das 500. Reformationsjubiläum 2017 sei der Rat der EKD im guten Gespräch mit der Deutschen Bischofskonferenz. Erste Ergebnisse ließen hoffen, „dass es nicht nur zu einem gemeinsamen Gedenken, sondern zu gemeinsamer Umkehr, Hinwendung zu Christus und deshalb zu einem gemeinsamen Feiern kommt“, so Schneider. Im Eintreten für Flüchtlinge und in vielen anderen Fragen sozialer Gerechtigkeit seien Evangelische und Katholiken ganz nahe beieinander, führte er weiter aus.
 
Eingehend äußerte sich Nikolaus Schneider zur Debatte um Möglichkeiten und Grenzen der Sterbehilfe. Leben als Gabe Gottes sei nicht allein auf das irdische Leben zu beschränken. „Als Angenommene Christi trägt uns im Leben und im Sterben die Hoffnung auf unzerstörbares, ewiges Leben nach unserem irdischen Tod.“ Aus dieser Grundüberzeugung ergeben sich für ihn übergreifende Gesichtspunkte: Irdisches Leben müsse nicht mit  allen medizinischen Mitteln verlängert werden. „Wir können unsinnige medizinische Behandlungen am Lebensende verweigern, abbrechen und das Sterben zulassen.“
 
Der Ratsvorsitzende betonte den Wert und die Bedeutung von Palliativ-Medizin und Hospizarbeit: „Die Ablehnung aktiver Sterbehilfe muss deshalb einhergehen mit einer auskömmlichen Finanzierung sowie dem flächendeckenden Ausbau von palliativer und Hospiz-Versorgung in unserem Land.“ Ein Rechtsanspruch auf diese Formen der Sterbebegleitung könne erwogen werden.
 
Schneider bekräftigte die kirchliche Ablehnung von Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung. Das gelte auch für das gegenwärtig diskutierte Recht auf einen ärztlich assistierten Suizid. Das Leitbild ärztlichen Handelns sei an der Hilfe zum Leben auszurichten. Der Ratsvorsitzende machte deutlich, dass Evangelische Ethik Positionen und Normen entwickle, die die persönlich verantwortete Gewissensentscheidung stärken und schärfen wollen, nicht aber ersetzen: „Das bedeutet deshalb auch, dass wir einander in unserer Kirche respektieren, wenn wir in den Fragen des assistierten Suizids unterschiedliche Positionen vertreten.“
 
Nikolaus Schneider zieht sich mit Ablauf des 9. November 2014 nach vier Jahren aus dem Amt des Ratsvorsitzenden zurück, um seiner an Krebs erkrankten Frau Anne beizustehen, die sich einer lang andauernden Therapie unterziehen muss. Schneiders Nachfolger oder Nachfolgerin in der Leitung des Rates der EKD bestimmt die Synode am Dienstag.
 
Dresden, 9. November 2014
 
 
Pressestelle der EKD
Carsten Splitt