Dokumentartheater schildert Leben von Flüchtlingen auf dem Dorf

Nachricht 06. November 2014

Willkommenskultur in der Provinz

Schiffdorf/Kr. Cuxhaven (epd). Mit ihrer neuen Produktion schildert die norddeutsche Künstlergruppe "Das Letzte Kleinod" das Leben und die Hoffnungen von Flüchtlingen, die in einem niedersächsischen Dorf untergekommen sind. "Wir erzählen ihre Geschichte in einer dokumentarischen Vorstellung", sagte Regisseur Jens-Erwin Siemssen am Donnerstag in Schiffdorf-Geestenseth bei Bremerhaven. Die Menschen aus dem Sudan, aus Afghanistan und aus Serbien seien in dem Dorf mit offenen Armen aufgenommen worden, betonte Siemssen. Möglicherweise sei die Integration in der Provinz besser möglich als im städtischen Umfeld, mutmaßte der Theatermann.

Die ungewöhnliche Uraufführung unter dem Titel "November und was dann" ist für den 20. November geplant. An der begehbaren Inszenierung mit Spielorten in einem UN-Flüchtlingszelt, einem Güterwaggon und einem Kühlcontainer sind Schauspieler und einige der betroffenen Flüchtlinge selbst beteiligt. "Viele fühlen sich noch immer verfolgt", hat Siemssen in Interviews erfahren, mit denen er das Stück vorbereitet hat. "Folter, Flucht auf wackeligen Booten über das Mittelmeer, Diskriminierung: ich habe schon viele schlimme Geschichten gehört, aber das sind die schlimmsten."

Schlepper brachten einige der Flüchtlinge aus ihrer Heimat auf Lastwagen durch die Wüste, an der libyschen Küste gingen sie an Bord eines überfüllten Kutters. Sie strandeten in Sizilien und schlugen sich nach Deutschland durch, um Asyl zu beantragen.

Siemssen und seine Mitarbeiterin Uta Lorenz begleiteten die Flüchtlinge vom Auffanglager in Braunschweig nach Geestenseth, wo das Theater im historischen Bahnhof seinen Stützpunkt hat. Die Asylsuchenden wurden in dem 1.200-Seelen-Dorf mit einer Willkommens-Kaffeerunde im Feuerwehrhaus empfangen, bekamen sofort einen Deutschkurs und spielen nun regelmäßig Fußball mit Menschen aus der Region. "Das ist ein gelungenes Beispiel für Willkommenskultur", betonte Siemssen. "Und das, obwohl noch nie zuvor Menschen aus diesen Ländern im Ort gelebt haben."

Die Flüchtlinge sind in einem ehemaligen Bauernhaus am Rande des Dorfes untergebracht. Ihre Situation ist nach Auffassung des Regisseurs auch auf andere Orte in der deutschen Provinz übertragbar: Erfahrungen beim ersten Einkauf, in der Kleiderkammer des Roten Kreuzes und im Kontakt mit Behörden und Nachbarn werden nun zum Thema des Stücks. Im Dezember geht es im Elbe-Weser-Raum mit Waggons der Gruppe auf Zug-Tournee. Die Inszenierung soll auch in Bremervörde und in Worpswede gezeigt werden.

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