Theologin Bahr warnt vor Anpassung der Kirche an Zeitgeist

Nachricht 11. Mai 2016
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Dr. Petra Bahr; Bild: privat

Hannover/Berlin (epd). Die designierte evangelische Landessuperintendentin von Hannover, Petra Bahr, hat die Kirche davor gewarnt, sich zu sehr an den jeweiligen Zeitgeist anzupassen. "Die Christinnen und Christen, die in dieser Welt etwas bewegt haben, sind diejenigen, die Zeitgeister auch ausgetrieben haben", sagte Bahr am Mittwoch im NDR-Hörfunk. Sie erinnerte dabei unter anderem an Papst Franziskus, der durch kleine Gesten oder große Reden auch im säkularen Berlin aufhorchen lasse. Bahr äußerte sich in der NDR-Debattenreihe "Wozu Kirche? Glauben kann ich auch allein", die der Sender im Mai ausstrahlt.

Skeptisch zeigte sich die promovierte Theologin und Philosophin gegenüber einer "Patchwork-Religion" aus vielen unterschiedlichen religiösen Versatzstücken. "Wenn man sich selbst auch noch seine Religion bastelt, ist die Gefahr der Überforderung riesig." Religion habe wesentlich damit zu tun, "dass mir etwas entgegenkommt, dass ich nicht selber gemacht habe". Es gehe darum, "sich in einen überlieferten Zusammenhang zu stellen" und sich damit auseinanderzusetzen. Religiöse Sätze könnten auch unbequem sein und aufrütteln. Diese Ernsthaftigkeit erspare sich eine "Patchwork-Religion".

Bahr (50) soll in Hannover die Nachfolge von Regionalbischöfin Ingrid Spieckermann (65) antreten, die am 12. Juni in den Ruhestand verabschiedet wird. Ein Termin für ihre Amtseinführung steht noch nicht fest. Die Pastorin und frühere Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist zurzeit Leiterin der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Sie betonte, die Kirche übergreife verschiedene Milieus und Geschmäcker: "Die große Zumutung des Christentums ist, dass es der letzte Ort ist, wo man Leute trifft, die andere Musik hören als ich, sich anders kleiden oder andere Bücher lesen." Dies komme unter anderem beim Abendmahl zum Ausdruck.

Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz (63) kritisierte in der Sendung, dass die evangelische Kirche zu sehr modernen Trends hinterherlaufe. "Wenn ich mich frage, warum ich dem Impuls, in die Kirche zu gehen, so selten nachgebe, dann ist die Antwort wahnsinnig einfach: Weil die Inszenierung fast immer peinlich ist." Die Kirche wolle vielen gefallen, erreiche sie dabei aber nicht wirklich. Der Professor warnte vor "pseudopolitischen Predigten" und "sentimentalem Zuckerguss". Pastoren sollten sich lieber auf ihre Kernkompetenz besinnen, die Bibel auszulegen.

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