Gorleben-Widerständlerin Marianne Fritzen stirbt im Alter von 91 Jahren

Nachricht 06. März 2016

Lüchow (epd). Die langjährige Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Marianne Fritzen, ist tot. Sie starb in der Nacht zu Montag einen Monat vor ihrem 92. Geburtstag, wie die Initiative am Montag mitteilte. Wie kaum eine andere Person habe Fritzen den Protest gegen die Gorlebener Atomanlagen geprägt. Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) würdigte das jahrzehntelange Engagement der Aktivistin.

1973 beteiligte sich Fritzen an der Gründung der Bürgerinitiative, bis 1982 war sie deren Vorsitzende, später übernahm sie den Ehrenvorsitz. Bis zu ihrem Tod war sie im Vorstand des Gorleben-Archivs aktiv. Regelmäßig nahm sie auch am "Gorlebener Gebet" teil.

Hendricks sagte, mit Fritzen verliere Deutschland einen Menschen, der "wie wenige andere sein Leben dem Widerstand gegen den Irrweg der Atomkraftnutzung" gewidmet habe. "Das Bild von der kleinen tapferen Frau mit der Strickmütze, die sich von den behelmten Polizisten um sie herum nicht einschüchtern lässt, wurde zur Ikone der Bürgerbewegung gegen Atomkraft und Atommüll in Gorleben."

Fritzen habe das verkörpert, was gewaltfreien Widerstand ausmache, fügte Hendricks hinzu: "Entschlossenheit, Mut und Ausdauer." Sie sei unnachgiebig in der Sache, aber immer zum Gespräch mit ihren Gegnern bereit und in der Lage gewesen. Die Anti-Atombewegung, aber auch die Gesellschaft insgesamt hätten ihr viel zu verdanken. "Ich verneige mich vor einer großartigen Frau, vor einem warmherzigen Menschen", sagte Hendricks.

Ende der 1970er Jahre gehörte Fritzen auch zu den Mitbegründern der Grünen Liste Umweltschutz in Niedersachen. Für die spätere Partei engagierte sie sich zunächst als Kommunalpolitikerin im Kreistag von Lüchow-Dannenberg und im Samtgemeinderat Lüchow. 2000 brach sie mit den Grünen und verließ die Partei aus Protest gegen den Atomkonsens, den die damalige rot-grüne Bundesregierung mit den AKW-Betreibern ausgehandelt hatte. 2010 erhielt sie den mit 10.000 Euro dotierten Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung.

Die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms würdigte Fritzen als "die große Frau mit politischem Weitblick und Instinkt in der Anti-Atom- Bewegung". Sie habe dieser Bewegung immer wieder Orientierung gegeben.

Dieter Reckers vom Koordinationskreis des "Gorlebener Gebetes" sagte dem epd, Fritzen habe die wöchentlichen Andachten "durch ihre Persönlichkeit und viel Herzblut bereichert". Die "Gorlebener Gebete" werden seit 1989 an jedem Wochenende im Wald an den Gorlebener Atomanlagen gefeiert.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Lügen muss man Beine machen. Zum Tode von Marianne Fritzen

"Jaaa!?" Wenn Marianne Fritzen einer Einschätzung von mir nicht folgte, kam nicht sofort Widerspruch. Sie dehnte ein fragendes „Ja??“, sah mir in die Augen und ich wusste, hier musst du noch Überzeugungsarbeit leisten oder besser: dich und deine Überzeugung selbst prüfen. Und dann war da noch dieses „Sie müssen aber auch mal…“, oder „Sie müssen aber noch…“.

Stets ein Aufgabenpaket unter dem Arm und im Kopf, konnte einen diese Frau nicht einfach gehen lassen. Sie wusste zu viel, hatte zu viel gesehen und erfahren. Und alles war in ihrem wachen Verstand konzeptionell verdichtet und drängte zur Tat.

Es blühten zu viele Verbesserungsvorschläge in ihrem Herzen, als dass sie einen hätte einfach nach Hause gehen lassen können. Die Welt musste bewegt und verändert werden. Es gab viel Anlass zu Widerstand und Protest. Der Mainstream, wie man heute sagen würde, war ihr suspekt. Sie sah überall Gelegenheit, Barrikaden zu errichten, gegen die Unvernunft der Masse, gegen die Gier der Profiteure und gegen das Establishment auf überörtlicher und lokaler politischer Bühne. Solche Barrikaden mussten nicht aus Baumstämmen oder Strohballen oder Sand oder Steinen sein.

Geist war ihr auch eine willkommene Masse, mit der Mensch Politik machen konnte. Sie konnte sich mit dem Megafon spontan vor eine große Menge stellen und eine Überzeugung nach der anderen weitersagen. Sie konnte in kleinem Kreis auf den Strohballen hellwach und meisten kritisch-bissig kommentieren, was nicht in ihre Vorstellung von besserer Politik passte. Sie konnte aber auch irgendwie die Mutter sein, nicht nur die „Mutter des Widerstandes“ (wobei ich diese Metapher schon ein wenig respektlos empfinde), sondern auch die des zweifelnden Bürgers, der sich bei herannahender Polizeiübermacht ängstlich fragte, ob er bleiben sollte oder der zweifellos nahenden Konfrontation mit den sog. „Ordnungsmächten“ ausweichen. Natürlich sollte er bleiben, so die klare Orientierung von Marianne Fritzen. Natürlich, denn alles andere wäre Verrat an der gemeinsamen Sache. Gorleben war für sie eine in Hinterzimmern und Hintergrundgesprächen ausgeheckte Sauerei. Nicht zu verantworten. Nicht vernünftig und schon gar nicht legitim. Darum musste es ja auch mit Gewalt durchgeprügelt werden, weil das Konzept eine einzige Lüge war. Und nur die Wahrheit bahnt sich selbst ihren Weg, Lügen muss man Beine machen, notfalls mit Polizei und Staatsanwaltschaft. Lügen jedweder Art werden es ohne diese Frau nun leichter haben. Da ist jemand gegangen, den man nicht so leicht täuschen konnte.

Und so hoffe ich, dass viele sich berufen fühlen, ein Aufgabenpaket von Marianne auf- und anzunehmen. Als Erbe, als Zumutung und als Hoffnungspaket im Namen dieser Kämpferin. Zu ihrem Leben allerdings gehört kein langgedehntes, fragendes Ja, sondern eines mit einem dicken Ausrufezeichen! 

Rolf Adler Umweltbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers