Gesundheitsethikerin fordert Ausbau der Palliativmedizin im ländlichen Raum

Nachricht 22. Februar 2016

epd-Gespräch: Dieter Sell

Bremerhaven/Hamburg (epd). Die Gesundheitsethikerin und evangelische Theologin Ruth Albrecht fordert einen Ausbau der Palliativmedizin besonders im ländlichen Raum. "Hier muss die Palliativmedizin massiv gestärkt werden - das kann sterbenskranken Menschen Ängste nehmen", sagte Albrecht dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Leiterin der Hamburger Arbeitsstelle Ethik im Gesundheitswesen wollte sich am Dienstag an einem Themenabend zur Sterbehilfe in der Bremerhavener Kulturkirche beteiligen.

Der Bundestag hatte im November beschlossen, mehr Geld für die Hospizversorgung und die Palliativmedizin auszugeben. Mit einem entsprechenden Gesetz sollen jährlich rund 200 Millionen Euro zusätzlich in die Finanzierung der mehr als 200 Hospize, rund 1.500 ambulanten Hospizdienste und der Palliativstationen in Deutschland fließen. Das sei wichtig, denn tragende familiäre Strukturen in der Begleitung Sterbender seien weggebrochen, sagte Albrecht. "Hier ist der Ausbau besonders der spezialisierten Palliativversorgung eine große Chance." Mit ihr stelle sich die Frage nach Sterbehilfe oft nicht mehr.

Die Hospiz- und Palliativversorgung konzentriert sich Albrecht zufolge auf Menschen kurz vor ihrem Tod: "Durch Pflege, Schmerztherapie und menschliche Begleitung können ihre Schmerzen und Ängste gelindert werden." In Deutschland sterben jedes Jahr zwischen 850.000 und 900.000 Menschen - jeder Zweite in einem Krankenhaus. 40 Prozent sterben in Pflegeheimen, obwohl drei Viertel gern zu Hause bleiben würden. Aktuellen Studien zufolge erhalten nur 30 Prozent der Sterbenden eine palliative Versorgung.

"Da müssen wir besser werden - auch, was die Bekanntheit einer palliativen Versorgung angeht", betonte Albrecht, die lange als Krankenhaus-Seelsorgerin in Hamburg gearbeitet hat. "Vielen Menschen ist der Segen der Palliativmedizin noch nicht deutlich vor Augen." Unerträgliche Schmerzen und Einsamkeit in der letzten Lebensphase müssten in einem gut ausgebauten palliativen Netzwerk nicht sein.

Weil aber familiäre Strukturen und auch christliche Traditionen wie das Aufbahren in den eigenen vier Wänden nicht mehr selbstverständlich seien, werde das Gespräch beispielsweise im Kreis der Angehörigen über Ängste und Hoffnungen am Lebensende immer wichtiger. "Zuhören, nachfragen - das ist zentral, denn das Sterben ist immer individuell", betonte Albrecht. In diesem Zusammenhang erinnerte sie an die "Drei goldenen Regeln für Entscheidungen am Lebensende" des führenden Schweizer Palliativmediziners Gian Domenico Borasio: "Erstens reden, zweitens reden, drittens reden."

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen