Journalist: Christen gehören an die Seite der Schwachen und Schutzbedürftigen

Nachricht 09. Februar 2016

Braunschweig/München (epd). Der Münchener Journalist Matthias Drobinski hat die Christen dazu aufgerufen, öffentlich für leidende, schwache und schutzbedürftige Menschen einzutreten. Auch im reichen Deutschland nähmen die Verteilungskonflikte zu, sagte der katholische Theologe und Redakteur der "Süddeutschen Zeitung" am Dienstag beim Jahresempfang der braunschweigischen Landeskirche im Braunschweiger Dom vor rund 400 Gästen aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Sie zeigten sich zwischen Flüchtlingen und Obdachlosen, zwischen Millionären und prekär Beschäftigten oder zwischen alten Menschen mit Anspruch auf Rente und Gesundheitsversorgung und den Jungen, die dies nicht mehr unbedingt bezahlen wollten.

Im Verhältnis von Staat und Kirchen sowie von Religion und Öffentlichkeit müssten die Kirchen zunehmend zu einer "Verunsicherungs-, Irritations- und Einspruchskraft" werden, forderte Drobinski laut Redemanuskript. "Die Christen in Europa und auch in Deutschland hängen zu sehr der versichernden Seite des Glaubens an." Das Potenzial einer Religion, zu einer menschlichen, friedlichen und toleranten Gesellschaft beizutragen, werde dadurch verringert.

Angesichts der aggressiven und hasserfüllten Kommentare gegenüber Flüchtlingen in sozialen Netzwerken müssten Christen Zweifel gegen "millionenfache Unfehlbarkeitserklärungen und Verdammungen Andersgläubiger" äußern. "Sie müssen Anwälte des strittigen, aber auch fairen Diskurses werden", sagte der Journalist. "Ihre Aufgabe ist es, der Empörungsblase, die da gerade an Volumen gewinnt, die Luft rauszulassen."

Die Begegnung mit den eigenen fremden Seiten und fremden Menschen sei immer auch eine Zumutung, betonte Drobinski. Diese werde in den kommenden Jahren sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Einheimischen groß. "Die Stärke einer demokratisch verfassten Gesellschaft wird sich darin zeigen, dass sie diese Zumutungen ebenso einfordert wie aushält." Sie werde es umso mehr schaffen, wenn sie sich der eigenen Wurzeln und Grundlagen bewusst sei. 

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