"Gewalt an der Tagesordnung"

Nachricht 31. Januar 2016
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Dine Fecht, Leiterin der Abteilung Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland; Bild: Norbert Neetz/epd-bild  

Hannover (epd). Wenn im Ausland Deutsche bei Anschlägen oder Naturkatastrophen verletzt oder getötet werden, sind auch die deutschsprachigen evangelischen Gemeinden gefordert. Zuletzt war das zum Beispiel in Istanbul und Paris der Fall, wo auch deutsche Touristen unter den Opfern der Terroranschläge waren. Eine spezielle Schulung bräuchten die Pfarrerinnen und Pfarrer für solche Krisen aber nicht, sagt Dine Fecht, Leiterin der Abteilung Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Schon bei den Bewerbungen werde auf Seelsorge-Ausbildungen und stabile Persönlichkeiten geachtet.

epd: Bei den Terroranschlägen in Paris und Istanbul wurden auch Deutsche getötet oder verletzt. In diesen Krisensituationen sind auch die Pfarrerrinnen und Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinden gefragt, sie leisten Seelsorge und sind Ansprechpartner für die deutschen Botschaften. Bietet die EKD-Auslandarbeit jetzt spezielle Schulungen für das richtige Agieren bei Terroranschlägen an?

Fecht: Nein, das müssen wir nicht. Die Frauen und Männer, die wir für sechs Jahre in deutsche Gemeinden in aller Welt schicken, sind stabile Persönlichkeiten, keine Anfänger. Sie müssen grundsätzlich in der Lage sein, auf außergewöhnliche Situationen reagieren zu können. Und bei der Auswahl achten wir auf Seelsorgeausbildungen, weil es in Auslandsgemeinden auch ohne Terroranschläge großen Seelsorgebedarf gibt, zum Beispiel bei Auswanderern. Und viele haben Erfahrungen aus der Notfallseelsorge.

epd: Das heißt, es ändert sich nichts für die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Ausland?

Fecht: Wir können nicht auf alles vorbereiten. Dass der Kollege in Phuket vor elf Jahren mit den Folgen des Tsunamis umgehen musste, das kann man vorher nicht ausbilden. Und für uns hier in Deutschland ist der Terror erst mit den Anschlägen in Paris und Istanbul nahe gerückt. Aber für die Entsandten, die zum Beispiel in Beirut, Jerusalem, Kairo oder Nigeria leben, ist Gewalt schon seit vielen Jahren an der Tagesordnung. So wurde ein deutscher Pfarrer in Johannesburg auf der Straße überfallen. Und der Pfarrer in Kairo lebt in einem Haus mit Wächter davor. Deshalb haben wir vor einem Jahr unser Supervisions-Angebot erweitert. Nun können nicht nur Entsandte in akuten Krisen eine intensive professionelle Beratung in Anspruch nehmen, sondern auch die, die Gewalt erlebt haben oder Angst davor haben. Und generell gibt es einen engen Kontakt zu den Referenten der Auslandarbeit hier in Hannover.

epd: Finden sich denn genügend Frauen und Männer für die rund 130 Auslandspfarrstellen?

Fecht: Wir haben weniger Bewerber als früher. Aber das liegt nicht an einer möglichen Angst vor Anschlägen. Sondern eher daran, dass wir früher einen Pfarrerüberschuss in Deutschland hatten. Außerdem ist die Mobilität geringer geworden, weil heute auch die Partnerinnen oder Partner weiter arbeiten und nicht sechs bis neun Jahre in ihrem Beruf aussetzen möchten. Meist bekommen sie aber im Ausland keine Arbeitserlaubnis. Aber wir haben genug Bewerber. Derzeit laufen zum Beispiel die Gespräche für die Pfarrstelle in Teheran, sogar dort haben wir fünf Bewerber. 

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