Diakonie-Vorstand Künkel schlägt "Marshall-Plan" für Flüchtlinge vor

Nachricht 25. Dezember 2014

epd-Gespräch: Katharina Hamel und Ulrike Millhahn

Hannover (epd). Der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Christoph Künkel, regt zur Neuansiedlung von Flüchtlingsfamilien eine Art neuen "Marshall-Plan" an. "Wir müssen angesichts der Zahlen von Flüchtlingen alle gemeinsam ganz neue Ideen und Projekte entwickeln", sagte er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Ich bin sehr dafür, Ungewöhnliches zu denken und zu erproben." Mit dem Wiederaufbauprogramm der USA wurde Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützt. Das 12,4-Milliarden-Dollar-Hilfspaket bestand aus Krediten, Rohstoffen, Lebensmitteln und Waren.

Es befremde ihn, dass Politiker zurzeit so überrascht auf die steigenden Flüchtlingszahlen reagierten, betonte der evangelische Theologe. "Das war seit mehr als 18 Monaten absehbar." Jetzt seien in der Tat rasche Lösungen nötig. Turnhallen dürften dabei nur vorübergehende Alternativen sein: "Wir müssen sehr schnell im großen Stil Häuser bauen." Das sei heutzutage kein Problem mehr.

In diesem Zusammenhang begrüßte Künkel den Vorschlag des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius (SPD), zu Beginn des Jahres einen Flüchtlingsgipfel im Bundesland einzuberufen. Hier sollten alle Verantwortlichen für die Flüchtlingspolitik an einen Runden Tisch kommen und konkrete Lösungen in den Blick nehmen, unterstrich der Sozialexperte.

"Im Umgang mit Flüchtlingen entdecken wir fast täglich neue Herausforderungen, die wir nur gemeinsam lösen können", sagte Künkel. Als Beispiel nannte er die noch nicht schulpflichtigen Flüchtlingskinder, die keinen Anspruch auf einen Kita-Platz hätten. Gerade sie hätten es dringend nötig, unter Altersgenossen zu kommen: "Kinder sind die besten Kultur-Adapteure, die man sich denken kann."

Die Trauma-Raten in Flüchtlingsfamilien lägen bei bis zu 75 Prozent, sagte Künkel. Nicht jede Tagesstätte sei in der Lage, traumatisierte Menschen sachgemäß zu begleiten. Deshalb sei die Diakonie zurzeit mit Trauma-Beratern zum Beispiel aus der Lebensberatung im Gespräch. Weitere Schwierigkeiten seien die Refinanzierung dieser Kita-Plätze, die Größe der Gruppen und manches mehr. "Da müssen wir gemeinsam mit der Politik ran."

Ein anderes konkretes Problem sei, dass viele Flüchtlinge lediglich mit Shorts und T-Shirt bekleidet in den Aufnahmelagern ankämen. Ihnen stehe ein Kleidersatz von 25 bis 41 Euro zu: "Davon kann sich beim besten Willen niemand eine Winterjacke leisten", sagte Künkel. Dies seien nur zwei Beispiele für zahlreiche Lücken in der Versorgung und Begleitung der Betroffenen.

Mit seinen mehr als 3.000 Einrichtungen gehört das Diakonische Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen nach eigenen Angaben landesweit zu den größten Wohlfahrtsverbänden mit rund 70.000 hauptamtlich Beschäftigten und über 70.000 freiwilligen Helferinnen und Helfern.

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