Leitender Theologe de Vries: Christen stehen immer öfter vor ethischen Konflikten

Nachricht 13. September 2014

Hannover (epd). Für Christinnen und Christen wird es nach Ansicht des Geistlichen Vizepräsidenten des hannoverschen Landeskirchenamtes, Arend de Vries, immer schwieriger, sich Urteile auf Grundlage der evangelischen Ethik zu bilden. "Christen, die sich ihr Leben lang für Gewaltfreiheit eingesetzt haben, finden sich angesichts der Gräueltaten des Islamischen Staates plötzlich in einer Reihe mit denen, die dringend Waffenlieferungen an die Kurden fordern", schreibt de Vries in einem Gastkommentar für die in Hannover erscheinende "Evangelische Zeitung" vom Sonntag.

Im Blick auf die Ukraine und das Handeln Russlands falle es ebenfalls schwer, strikt auf Verhandlungen zu setzen. Auch die Debatte um die Hilfe zur Selbsttötung werde in der Öffentlichkeit kontrovers geführt. Mit ihrer Ablehnung des assistierten Suizids steht die evangelische Ethik de Vries zufolge einer Gesellschaft gegenüber, die plötzlich Selbsttötung als Ausdruck völliger Autonomie propagiert.

Es sei eine Errungenschaft der Reformation, dass Menschen in Gewissensfragen nicht "einer kirchlichen Vorgabe folgen müssen", sondern sich ein eigenes Urteil bilden können, schreibt der evangelische Theologe. Der Maßstab dafür sei die Verantwortung des Menschen vor Gott und sich selbst. Eine selbstständige ethische Urteilsbildung sei das Vorrecht des freien Christenmenschen. "Aber das ist manchmal auch unendlich schwer und eine große Last."

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