Organspende - ja oder nein? Themenabend im Kirchenkreis Hittfeld

Nachricht 28. September 2013

Betroffene, Mediziner und Theologen im Gespräch

Vollkommen gesund und sportlich fit, verspürte Sabine Henke ein Druckgefühl im Magen. Ohne mehr zu essen, wurde sie immer dicker. Im Krankenhaus die Diagnose: Lebervenenthrombose: „Plötzlich war die Situation da – Leberversagen. Und nach nur anderthalb Jahren hatte ich eine Leberzirrhose im Endstadium und wurde als „High Urgent Patient“ eingestuft, höchste Dringlichkeitsstufe. Nie hatte ich zuvor mit dem Thema „Organspende“ beschäftigt. Nun war ich es, die eine Leber brauchte, um weiterleben zu können“, erzählt Sabine Henke, die seit 15 Jahren mit einer Leber eines Spenders lebt. Gemeinsam mit dem Nierenspezialisten Dr. Werner Tenschert und den Hittfelder Ärzten Dr. Hubertus Stahlberg und Hans-Jörg Fries beantwortete sie Fragen der Besucher des Gemeindeabends, zu dem Pastor Bernhard Kuhlmann eingeladen hatte. Nach einer angeregten Diskussionsrunde sagte die 44-Jährige: „Überlegen Sie nicht nur aus Sicht eines potentiellen Spenders, ob Sie ihre Organe nach dem Tod spenden, sondern versetzen Sie sich in die Lage des Empfängers, der durch Ihr Organ weiterleben kann – so wie ich es kann.“

Wie wird der Hirntod, der Voraussetzung für eine Organentnahme ist, festgestellt? Dazu Dr. Werner Tenschert, der bis vor kurzem in der Nephrologischen Ambulanz der Universitäts-Klinik Eppendorf (UKE) arbeitete und dort nierentransplantierte Patienten betreute: „Besteht der Verdacht des Hirntodes, führen zwei Neurologen unabhängig voneinander mehrere Untersuchungen durch, die von der Bundesärztekammer festgelegt wurden. Nach 24 Stunden werden alle Untersuchungen von beiden Neurologen unabhängig voneinander wiederholt. Stellen beide Ärzte unabhängig voneinander fest, dass sämtliche Hirnfunktionen ausgefallen sind, werden die Angehörigen über den Hirntod informiert und befragt, ob sich der Patient zu Lebzeiten zur Organspende bereit erklärt hat oder ob sie einer Organentnahme zustimmen.“

Zu den Organspendeskandalen und den Transplantationen vorbei an Wartelisten an mehreren deutschen Transplantationszentren sagte Tenschert, dass Ärzte das System des gegenseitigen Vertrauens mißbraucht haben und sich gezeigt hat, dass die bewährte gesetzliche Grundlage der Organvergabe unterlaufen werden kann.
Wie ist die Position der Kirche? „Nach einer Verlautbarung des Rates der Evangelischen Kirche und des Bischofsrates heißt es, dass sich jeder Mensch frei dafür oder dagegen entschließen könne, Organe für sterbende Menschen zu spenden. Dies verletze nicht die Würde des Menschen und störe nicht die Ruhe der Toten“, erläuterte Pastor Bernhard Kuhlmann.

Die Diskussion zeigte immer wieder, dass die Frage der Organspende immer auch eine ethische, philosophische Frage ist, die jeder nur für sich beantworten kann.

„Denken Sie an die etwa 12 000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten und darauf hoffen, weiterleben zu können“, sagte Dr. Hubertus Stahlberg abschließend. In seiner Hittfelder Praxis betreut auch Hans-Jörg Fries transplantierte Menschen: „Es gibt viele Krankheiten, die zu einem akuten Organversagen führen, man kann sehr schnell selbst in die Situation geraten, ein Spenderorgan zu benötigen.“ Seit dreißig Jahren hat Superintendent Dirk Jäger seinen Spenderausweis stets dabei. „Ich habe im Zivildienst Patienten zur Dialyse gefahren, in dieser Zeit sind einige von ihnen gestorben, darunter ein 15-jähriges Mädchen. Als glaubender Mensch fällt mir die Entscheidung leicht, Organe nach meinem Tod zu spenden. Ich glaube, dass auch dann meine Seele gut aufgehoben ist. Ich schaue auf die, die durch meine Spende weiterleben könnten, das ist ein starkes Argument dafür“, so Jäger.