Bischof Meister: Die Kirche hat den Krieg religiös überhöht

Nachricht 30. Juni 2014

Drei Fragen an den hannoverschen Landesbischof Ralf Meister zum Ersten Weltkrieg vor hundert Jahren

Hannover (epd). Nach dem tödlichen Attentat auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn vor hundert Jahren verstrickten sich die europäischen Mächte in einen Weltkrieg, der vier Jahre dauern sollte. Der evangelische Landesbischof Ralf Meister hat sich intensiv mit der Rolle der Kirche damals auseinandergesetzt.

epd: Vor hundert Jahren hat die evangelische Kirche die allgemeine Kriegsbegeisterung unterstützt und auch aktiv geschürt. Wie sah das konkret aus?

Meister: Aus heutiger Sicht ist es bestürzend: Weite Teile der evangelischen Kirche haben den Krieg begrüßt. Von der Ehre, für das Vaterland zu kämpfen, war damals viel die Rede, auch von der Ehre, für das Vaterland zu sterben. Und Gott sollte diesen Kampf und diese Ehre segnen. "Mit Gott in den Krieg!": Diese Haltung wurde von Teilen der evangelischen Kirche in bischöflichen Stellungnahmen, in Kirchenzeitungen, vor allem aber in Predigten zum Ausdruck gebracht - heute völlig undenkbar. 

Predigten erreichten damals alle Volksschichten und waren für viele eine der zentralen Quellen, sich über den Krieg und seine Begründung zu informieren. Die Kirchen nahmen in dieser Zeit die Funktion nationaler Sinndeutungsagenturen ein. Mit einer nationalistisch gefärbten Opfertheologie verliehen sie den Soldaten Märtyrerstatus. Das unermessliche Leid des Krieges wurde so überblendet.

epd: Wie konnte es soweit kommen?

Meister: Aus Sicht der politischen Führung war die Pastorenschaft in besonderer Weise durch ihr Amt geeignet, diese national-religiöse Deutungsleistung zu unternehmen. Das Bündnis von Thron und Altar war eng. Nach Meinung mancher Historiker gab es keine gesellschaftliche Gruppe, die die Kriegsanstrengungen mit größerer Entschlossenheit unterstützt haben als die Landeskirchen.

Sie erhofften sich auch einen institutionellen Gewinn: Hatten die Kirche und der christliche Glaube in den Jahren zwischen 1871 und 1914 an öffentlichem Zuspruch verloren, so hoffte man durch den nationalen Geist von 1914 wieder zu einer starken Volkskirche zu werden. Dies hat sich nur zeitweise eingelöst: Schon 1915 nahmen die nationalistisch-religiöse Erweckungsbewegung und der Kirchenbesuch wieder ab.  

epd: Heute gibt sich die Kirche pazifistisch. Welche Lehren hat sie aus dieser Zeit gezogen?

Meister: Unsere Kirche hat lange gebraucht, bevor sie sich aus ihrer Kriegsbegeisterung befreite. Zwei Weltkriege und unzählige andere kriegerische Auseinandersetzungen brauchte es, um endlich ganz deutlich den radikalen Auftrag zum Frieden im Leben Jesu zu lesen: Krieg ist ein grausames Verbrechen, und wir müssen alles tun, um den Frieden zu erhalten.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges löste sich die Verbindung von Thron und Altar, auch wenn sich die Verbindung von Kirche und Staat erst nach dem Zweiten Weltkrieg endgültig löste. Erst nach den Katastrophen der beiden Weltkriege gelang es der evangelischen Kirche, eine dem jesuanischen Auftrag gemäße Gestalt zu finden.

epd-Gespräch: Michael Grau

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen