Letzte Ruhe unter Buchen

Nachricht 23. April 2014

Von Jörg Nielsen (epd)

Das Leben und Sterben wird individueller. Das gilt auch für die eigene Beerdigung. Immer mehr Menschen suchen sich ihren letzten Ruheplatz zu Lebzeiten aus, zum Beispiel in einem Friedwald.

Hude/Verden (epd). Und plötzlich stehen sie vor ihrem Baum. "Schau mal, der gefällt mir", sagt Ruth Kiehl (66) zu ihrem Mann Klaus: "Was meinst du?" - "Ich bin einverstanden." Damit ist eine Entscheidung für die Ewigkeit gefallen. Nach dem Tod der beiden Hausärzte aus der Wesermarsch wird die rund 70 Jahre alte Buche über den Urnen der beiden wachen.

Bereits vor zwei Jahren haben sie eine Führung durch den Friedwald Hasbruch in der Nähe des niedersächsischen Hude bei Oldenburg besucht. "Unsere Kinder wohnen weit verstreut. Wer soll sich um unsere Gräber kümmern?", fragt der 69-jährige Klaus Kiehl. "Wir wollten uns einen Platz aussuchen, solange wir noch fit sind und uns selbst entscheiden können."

Diese Haltung ist nicht selten, sagt Förster Gabriel Theermann, der sich für die "FriedWald GmbH" um den Waldfriedhof kümmert. Meistens dauere es ein bis zwei Jahre, bis die Interessenten nach einem Besuch im Friedwald wiederkommen und sich einen Baum aussuchen. Oft seien es Paare, die nach einem Partnerbaum oder einem Familienbaum suchen. Doch auch enge Freunde finden sich zusammen, um einen Freundschafts- oder Gemeinschaftsbaum auszuwählen.

Oft wollen die Eltern ihre Kinder nicht mit der Grabpflege belasten, mal sind die Gründe sehr esoterisch, sagt Theermann: "Wir hatten auch schon Leute, die die Bäume umarmten, um ihre Energie zu prüfen." Bundesweit betreibt die "FriedWald GmbH" 50 Anlagen. Die Konkurrenz "RuheForst" unterhält sogar 60 Waldfriedhöfe.

Seit der Eröffnung des Friedwaldes Hasbruch vor zehn Jahren sind hier rund 2.300 Urnen beigesetzt worden. Bei einer Beerdigung weisen nur ein kleiner Sandhaufen, ein Kreis von Tannenzweigen und eine Baumscheibe auf das 70 Zentimeter tiefe Loch für die Urne hin. In Friedwäldern dürfen nur sich selbst zersetzende Urnen beigesetzt werden. Blumenschmuck, Grabbeigaben oder Grabsteine sind nicht zulässig. Nachdem Theermann die Urne in das Loch versenkt hat, wird das Grab mit Sand verfüllt und Waldlaub darüber verteilt.

Einzig eine kleine Plakette mit der Nummer des Baumes weist darauf hin, dass sich zwischen den Baumwurzeln ein Grab befindet. Auf Wunsch kann mit einem rostfreien Nagel eine zusätzliche Plakette mit einem Spruch und den Namen der Toten angebracht werden. Eine Pflicht gibt es dazu nicht.

Anfangs lehnten die Kirchen Bestattungen im Friedwald strikt ab. Inzwischen begleiten oft auch Pastoren die Trauernden. Für die evangelische Pastorin Susanne Bruns aus Ganderkesee stehen dabei die Lebenden im Vordergrund. Der Tod eines Angehörigen überfordere oft Hinterbliebene. Binnen einer Woche müssten sie entschieden, wo der Sarg oder die Urne beigesetzt werden soll. "Ihnen müssen wir beistehen."

Bruns hat bereits mehrere Menschen im Friedwald beerdigt. Auch Seebestattungen hat sie gemacht und auf dem kirchlichen Friedhof ihrer Gemeinde gibt es die Möglichkeit der Baumbestattung. "Wir erleben eine veränderte Friedhofskultur. Die Menschen leben individueller und basteln sich oft ihre eigene Religion zusammen." Dies spiegle sich auch bei Beerdigungen wider - ein bisschen Christentum, eine Prise Buddhismus, ein wenig Naturreligion.

In Verden bei Bremen hat die evangelische Domgemeinde 2010 einen eigenen "Wald der Stille" eingerichtet, in dem unter Bäumen Urnen beigesetzt werden können. Immer wieder hätten Menschen nach einer Waldgrabstätte nachgefragt, sagt Trixi Klaasen vom Beratungszentrum Kirchlicher Friedhöfe in Verden. Das Waldgrundstück sei ohnehin als Erweiterungsfläche für den benachbarten Gemeindefriedhof vorgesehen gewesen.

"Bei uns gibt es keine anonymen Gräber, weil wir ein kirchlicher Friedhof sind", unterstreicht Klaasen. Steelen aus Kalksandstein tragen in Verden die Namen der Toten. Kleine Steinquader am Boden markieren die Grabstellen. Rund 400 Urnen wurden im "Wald der Stille" bereits beigesetzt - bei steigender Tendenz.

Im Friedwald Hasbruch werfen Ruth und Klaus Kiehl noch einen Blick zurück auf ihre Buche, machen ein Foto. "Das ist jetzt ein gutes Gefühl", sagt Ruth Kiehl. "Wir sind sehr erdverbunden. Darum ist es uns wichtig, einen Ort zu haben, wo wir irgendwann bestattet werden."

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