Kirchenmitgliedschaftsentwicklung

Nachricht 09. Juli 2013

Geistlicher Vizepräsident im Gespräch

Zahlen, Daten, Fakten: Kirchenstatistik ist Thema in diesen Tagen. Die aktuelle Veröffentlichung der Evangelischen Kirche in Deutschland spiegelt damit einen Eindruck des kirchlichen Lebens wider. Wie viele Menschen nehmen an welchen Veranstaltungen teil? Welche Gottesdienste werden wie häufig besucht? Welche kirchlichen und diakonischen Einrichtungen werden besonders geschätzt?

Und es geht um die Mitgliederentwicklung, auch dazu wurden jetzt neue Zahlen veröffentlicht. Etwa 150.000 Menschen sind bundesweit im letzten Jahr aus der evangelischen Kirche ausgetreten. In Niedersachsen ist die Zahl der der Mitglieder in beiden großen Kirchen im Zeitraum von 2006 bis 2011 um insgesamt 300.000 Menschen gesunken. Der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers gehörten 2006 mehr als 3 Mio., 2011 gut 2,8 Mio Menschen an. Woran liegt der zahlenmäßige Rückgang der Kirchenmitglieder?

Arend de Vries, Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt, sagte auf Anfrage: "Der demografische Wandel hat starke Auswirkungen auf die Kirchenmitgliedszahlen. Die Zahl der Sterbefälle ist bedeutend höher als die Zahl der Taufen. Gesamtgesellschaftlich wird der Rückgang der Bevölkerung etwas aufgehalten durch Zuwanderung. Allerdings gehören die Menschen, die in die Bundesrepublik kommen, meistens anderen Kulturen und damit auch anderen Religionen an, so dass die Kirche vom demographischen Wandel stärker betroffen ist als die Gesamtgesellschaft.

Neben der Bevölkerungsentwicklung sind allerdings die Kirchenaustritte der Hauptgrund für die kleiner werdende Zahl der Kirchenmitglieder. Nach wie vor treten die meisten Menschen aus der Kirche aus, um die Kirchensteuer einzusparen. Häufig sind das Männer im Alten 25 bis 45 Jahren, also in der Hauptverdienerphase. Die zweite, kleinere Gruppe tritt aus unterschiedlichsten inhaltlichen Gründen aus. Und dann gibt es auch noch einen statistischen Schwund: Wenn sich Menschen nach einem Umzug nicht mehr als kirchenzugehörig anmelden, verschwinden sie manchmal ungewollt aus der Mitgliederdatei und bemerken das erst später.

Ich erwarte mit Interesse die nächste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die im Herbst bundesweit durchgeführt wurde und nun ausgewertet wird. Diese und andere Untersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI EKD) in Hannover liefern uns auch wichtige Informationen darüber, warum Menschen in der Kirche bleiben. Kasualien etwa sind ein wichtiger Grund, die Wertschätzung für das diakonische Engagement, die guten Erfahrungen mit unseren mehr als 500 evangelischen Kindergärten, mit den diakonischen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen.

Wir kennen die Prognose: Als Kirchen werden wir weiter kleiner werden. Aber die demografische Entwicklung betrifft alle gesellschaftlichen Ebenen, nicht nur die Kirchen. Bei den Austritten ist jeder einzelne bedauerlich und die Gesamtzahl zu hoch. Erfreulich ist, dass wir EKD-weit auch 50.000 Kircheneintritte haben. Und dass die Zahl der Austritte in unserer Landeskirche zurückgegangen ist seit dem Jahr 2000: von knapp 23.000 auf rund 16.000 Ende 2011. Klar ist: Um Menschen weiterhin und neu zu erreichen, werden wir flexibler werden müssen. Wir müssen uns fragen: Wie kommen wir zu den Menschen? Wir müssen uns noch mehr auf die Lebenssituationen der Menschen einstellen und uns danach richten, wie sie ihre Frömmigkeit leben möchten.

Da geht es besonders um Menschen in der Mitte des Lebens, um die, die für ihren Beruf eine hohe Mobilität aufbringen müssen, um die, die sich eine kontinuierliche Beteiligung an den Veranstaltungen einer Kirchengemeinde nicht vorstellen oder leisten können. Sie fragen vielfach die Angebote unserer Klöster und Stifte nach, wir treffen sie auf Pilgerwegen oder bei Angeboten von Kirche im Tourismus. Solche Möglichkeiten alternativer und individueller Erfahrungen mit der Kirche müssen wir verstärken und als Kirche dort sein, wo die Menschen sind."