Multikulti in der Heide

Nachricht 02. Juli 2013

In Hermannsburg studieren Frauen und Männer aus 17 Ländern Theologie und Völkerverständigung

Mehr als 160 Jahre lang wurden in dem beschaulichen Heideort Hermannsburg Missionare ausgebildet. Seit einigen Monaten bietet dort nun eine internationale Fachhochschule Vorlesungen an. Ein neues Modell der Völkerverständigung.

Hermannsburg/Kr. Celle (epd). Pünktlich um halb eins füllt sich die Mensa der "Fachhochschule für Interkulturelle Theologie" in Hermannsburg. Die Stille des Vormittags weicht einem lebhaften Stimmengewirr: Mehr als 20 Frauen und Männer unterhalten sich - auf Deutsch, auf Englisch und in afrikanischen Sprachen mit ihrem typischen Gaumenklicken. Die Fachhochschule des "Evangelisch-lutherischen Missionswerkes" in Niedersachsen hat zwar erst rund 50 Studierende, die aber stammen aus 17 Ländern.

Einige von ihnen sind aus Großstädten wie Minsk oder Johannesburg in das gerade mal 8.000 Einwohner zählende Heidedorf bei Celle gekommen - zum Teil unterstützt durch Stipendien. Die vor knapp einem Jahr staatlich anerkannte Fachhochschule bietet dort drei Studiengänge an, die in Deutschland einmalig sind - "Hermannsburg ist ein guter Ort, um sich zum Studium zurückzuziehen", sagt Charlotte Chan Siu Kuen aus Hongkong. Denn auf dem Campus zwischen Seminargebäude und Wohnheim lässt sich leicht ein stilles Plätzchen finden.

Die Chinesin hat sich für den Masterstudiengang "Interkulturelle Theologie" eingeschrieben, den die Hochschule mit der Universität Göttingen in englischer Sprache anbietet. Wie die meisten der 20 Erstsemester wohnt sie auf dem Campus. Die Abgeschiedenheit lässt alle noch mehr zusammenrücken, sagt Theophile Divangamene, der aus dem Kongo stammt und in Hannover lebt. "Wir sind wie eine Familie."

Der Afrikaner hat von Chan Siu Kuen auch schon ein paar Brocken Chinesisch gelernt, zum Beispiel "Ich liebe dich". Ebenso wie Adolph van der Walt aus Südafrika (23), der "Ich will etwas zu essen" herausbringt. Chan Siu Kuen gilt im Wohnheim als gute Köchin, erzählen die beiden. Doch nicht nur kulinarisch nähern sich die Nationalitäten einander an. Im Studium geht es vor allem darum, die unterschiedlichen Traditionen des christlichen Glaubens besser verstehen zu lernen. Geht es doch bei den einen laut, bei anderen eher meditativ zu. Manche nähern sich biblischen Texten emotional, andere mit kritischen Fragen.

Auch wenn die Fachhochschule noch jung ist, hat der Heideort Hermannsburg Erfahrung mit dem internationalen Austausch. Vor mehr als 160 Jahren gründete dort Pastor Ludwig Harms das Missionswerk, das heute Kontakte in 17 Länder hat. Seit dieser Zeit wurden im Missionsseminar Theologen ausgebildet und in Partnerkirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika entsandt. Vor einem Jahr endete, für manche schmerzlich, diese Ära, und die neue Fachhochschule löste das Seminar ab.

Längst seien die Partnerkirchen eigenständig, erläutert Fachhochschul-Direktor Frieder Ludwig. "Heute ist das Verständnis des westlichen Missionars, der als Lehrer nach Afrika geht, dem Bild des wechselseitigen Austausches gewichen." Ludwigs wissenschaftliche Mitarbeiterin Phuti Mogase ist dafür beispielhaft. Sie stammt aus Südafrika, wo 1854 die ersten Hermannsburger Missionare tätig waren.

Auch die Menschen in Deutschland müssten dazulernen, ist Jacob Okine aus Ghana überzeugt, der in Gütersloh eine internationale Gemeinde leitet. Er gehört zu den 15 Studenten im Bachelor-Fach "Interkulturelle Theologie, Migration und Gemeindeleitung", das in Blockseminaren unterrichtet wird. Für Zuwanderer seien die Gemeinden mit heimischer Prägung wichtige Anlaufstellen, sagt Okine. "Aber viele Deutsche sind uns gegenüber skeptisch. Sie denken an eine Sekte, auch wenn sie das Wort nicht benutzen."

Okine war schon in Ghana Laienprediger. Wie viele in seinem Studiengang hat er aber bisher keinen theologischen Abschluss, der in Deutschland anerkannt ist. Er will mit seinem Studium dialogfähig werden, in dem er die andere Kultur besser versteht. Aber er hofft auch, dass seine Gemeinde trotz anderer Prägung besser anerkannt wird: "Wir bekommen ein Licht, das uns begleiten kann", sagt er. "Aber auch die Kirchen in Deutschland brauchen ein solches Licht."

Von Karen Miether

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