"Die Kirche ist Mitgestalter der Stadtgesellschaft"

Nachricht 19. März 2013

Drei Fragen an Hannovers Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann

Hannover (epd). Die Protestanten denken seit einiger Zeit darüber nach, wie sie ihre Kirchengebäude neu und kreativ nutzen können. Der Hintergrund sind sinkende Mitgliederzahlen. Manche Kirchen werden verkauft, andere erhalten Schwerpunkte. In Hannover gibt es bereits eine Jugendkirche, eine Gospelkirche, eine Bildungskirche und eine Chorkirche. Auch eine Kulturkirche und eine "Kirche der Stille" sind im Gespräch - und sogar eine "Zirkuskirche", falls eine Zirkus-Initiative ein entwidmetes modernes Kirchengebäude erwirbt. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert Hannovers Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann den neuen Trend.

epd: Welche Chance sehen Sie in den Schwerpunktkirchen?

Heinemann: Dass wir uns mit verwandten Kulturträgern verschwistern und uns für sie öffnen. Und dadurch auch neue Gemeinschaftserfahrungen machen. Ich persönlich freue mich immer, wenn Gemeinden und Mitarbeiter Zutrauen haben, etwas Ungewohntes zu probieren. Wenn es dem Grundgedanken eines Kirchengebäudes entspricht: Lassen wir uns darauf ein! Die Stadtgesellschaft lebt davon, dass immer wieder überraschende Sachen passieren. Die Kirche ist Mitgestalter der modernen Stadtgesellschaft.

epd: Hat die gute alte Gemeindekirche ausgedient?

Heinemann: Nein, das hat sie ganz offensichtlich nicht. Man sieht ja, wie lebendig Gemeinde sein kann. Aber sie öffnet sich wieder bewusst dafür, Kirche für die ganze Stadt zu sein, über den inneren Kreis der Parochie hinaus. Mir scheint es angemessen, die alte Bedeutung evangelischer Kirchenräume als Begegnungs- und Versammlungsort der ganzen Gemeinschaft, auch der Bürgergemeinde, wieder stärker in den Blick zu nehmen. Das ist ein wesentlicher Impuls der Reformation gewesen, gerade in den Städten.

Nach der Nazi-Zeit haben die Protestanten aus guten Gründen gesagt: Wir müssen uns konzentrieren auf die Predigt. Aber jetzt im 21. Jahrhundert können wir die ebenso wichtige Tradition wieder neu entdecken, dass gerade evangelische Kirchen immer auch Versammlungsräume sind.

epd: Welche konkreten Ideen haben Sie noch?

Heinemann: Ich fände es sehr gut, wenn wir ein zeitgenössisches Kloster oder eine evangelischen Kommunität in der Stadt hätten. Wir können zwar nicht zurückspringen in vergangene Jahrhunderte. Aber Klosterkirchen waren und sind eindrucksvolle Orte. Heute in der modernen Stadtgesellschaft, die so schnell ist, so hektisch und auch so laut, könnten solche Räume eines konzentrierten Lebens unter Umständen wieder neue Zugänge zu Glauben eröffnen.

epd-Gespräch: Michael Grau

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