Leibniz Bibliothek zeigt Handschriften-Rolle zum Buch Esther

Nachricht 24. Februar 2013
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Foto: Cordula Paul

Hannover/Hildesheim (epd). Die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover hat am Sonntag ein herausragendes Dokument jüdischer Handschriften-Kunst präsentiert. Die reich bebilderte "Esther-Rolle" aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die erste und einzige Handschrift des biblischen Buches Esther in deutscher Sprache, sagte Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Jahrhunderte lang lag das prachtvolle Stück nahezu unbeachtet im Archiv der Bibliothek.

Doch jetzt konnte der Düsseldorfer Historiker Professor Falk Wiesemann die Rolle genau datieren: In detektivischer Kleinarbeit und durch Vergleiche rund um den Globus fand er heraus, dass die kostbare Rolle 1746 in Hildesheim angefertigt wurde. Sie stammt wohl aus der Werkstatt des jüdischen Schreibkünstlers Wolf Leib Katz Poppers. Für das 6,5 Meter lange Kunstwerk hat er 14 reich illustrierte Blätter aus Kalbspergament aneinandergeklebt und aufgerollt. "Das ist ein Ausnahmestück", sagte Ruppelt.

Das Buch Esther erzählt, wie die junge und schöne Jüdin Esther zur Königin von Persien wurde und das jüdische Volk vor einem Völkermord bewahrt. Bis heute erinnern die Juden beim Purim-Fest an diese Geschichte, das derzeit wieder gefeiert wird - eine Art jüdischer Fasching.

Bei der Präsentation las die Schauspielerin Iris Berben aus der Esther-Rolle vor. Der Kölner Taschen Verlag hat anlässlich der Präsentation eine Reproduktion des fragilen Originals in einer limitierten Auflage von 1746 Stück hergestellt und einen Bildband dazu herausgebracht.

Normalerweise sind Rollen biblischer Bücher in hebräischer Sprache geschrieben. Die deutschsprachige Esther-Rolle aus Hildesheim ist daher für den jüdischen Gottesdienst ungeeignet. Für den Text verwendete der Künstler Poppers eine in Lüneburg erschienene Luther-Übersetzung aus dem Jahr 1722. Die Geschichte von Königin Esther wird am unteren und oberen Rand des Pergaments auch in bunt kolorierten Bildern erzählt, bei denen die Figuren allerdings Kostüme des 18. Jahrhunderts tragen, die an Österreich-Ungarn erinnern. Hinzu kommen mehr als 200 Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Menschen oder Tieren.

Die ungewöhnlich reiche Illustration gibt Hinweise auf den Zweck der Rolle, erläuterte Ruppelt. Vermutlich handele es sich um ein Geschenk einer vermögenden jüdischen Oberschicht an ein Herrscherhaus, das bei Poppers in Auftrag gegeben wurde. "Die Rolle hatte das Ziel, die Gunst des Herrschers für die Juden zu gewinnen." Die Spuren deuten auf den Wiener Hof der Kaiserin Maria Theresia (1717-1780) hin. Diese hatte 1744/45 die Juden aus Prag und Schlesien vertreiben lassen. Möglicherweise sollte die Esther-Rolle die Kaiserin gegenüber den Juden milde stimmen, sagte Ruppelt.

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