Kirche mit Nachwuchssorgen

Nachricht 03. Januar 2013
Theologiestudenten
Vikare im Predigerseminar Loccum. © epd-bild / Jens Schulze

Von Barbara Schneider (epd)

Die Chancen auf einen Job waren für evangelische Theologiestudenten lange nicht so gut wie heute. Inzwischen wirbt manche Landeskirche offensiv um junge Pfarrer. Denn fast alle evangelischen Landeskirchen plagt der Nachwuchsmangel.

Hannover/Göttingen (epd). Die evangelischen Landeskirchen schlagen Alarm. Den rund 21.000 Pastoren, die derzeit in Deutschland aktiv sind, folgen immer weniger junge Theologiestudenten nach. Fast alle evangelischen Kirchen stehen in einigen Jahren vor Nachwuchsproblemen, prognostizierte daher unlängst der hannoversche Landesbischof Ralf Meister. Er ist mit dieser Einschätzung nicht alleine.

Die Studierendenzahlen sind seit Jahren rückläufig. Allein in den zurückliegenden zehn Jahren ließen sich Zweidrittel weniger Studenten in die landeskirchlichen Listen für den Dienst in der Kirche eintragen. Ende 2011 standen noch rund 2.400 Studenten auf den landeskirchlichen Listen für Pfarrdienstanwärter. An Universitäten und kirchlichen Hochschulen waren zum Wintersemester 2011/2012 mehr als 5.400 Studenten mit dem Berufsziel Pfarramt eingeschrieben.

Vermutlich liegt die Zahl derjenigen, die tatsächlich den Pfarrberuf anstreben, irgendwo dazwischen. "Studierende wollen sich nicht frühzeitig binden", erläutert Joachim Ochel, Referent für theologische und kirchliche Ausbildungen der Evangelischen Kirche in Deutschland. "Die landeskirchlichen Listen haben ihren Zwangscharakter verloren." Es gebe zudem berufliche Perspektiven für Theologen neben dem Pfarramt.

Der Göttinger Praktische Theologe Jan Hermelink beobachtet unterdessen bei vielen Studierenden eine gewisse Skepsis gegenüber dem Beruf des Pfarrers. "Der Pfarrberuf ist der Beruf, der am stärksten in die private Lebensführung eingreift", sagt er. Einer nicht repräsentativen Umfrage unter Studenten in Göttingen, Leipzig und Halle zufolge studieren anders als in den 70er und 80er Jahren heutzutage vor allem junge Leute aus dem binnenkirchlich-frommen Milieu Theologie.

"Wer jetzt anfängt, Theologie zu studieren, hat beste Chancen von der Kirche später übernommen zu werden", warb der württembergische Finanzdezernent Martin Kastrup auf der Synode im Herbst. Und das nicht nur in der württembergischen Landeskirche. Die hannoversche Landeskirche rechnet ab 2017 mit Vakanzproblemen. Selbst die kleine lippische Kirche, die jahrelang keinen Nachwuchs einstellte, will ab 2013 wieder junge Theologen aufnehmen.

Und noch ein weiterer Trend ist zu beobachten: Neben der Nordkirche hat auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz inzwischen ihre Türen für Bewerber aus anderen Landeskirchen geöffnet. Auch die Kirche von Kurhessen-Waldeck weist ausdrücklich darauf hin, dass Bewerbungen aus allen Landeskirchen willkommen sind.

Der Hintergrund ist offensichtlich: Viele Landeskirchen bekommen in den nächsten Jahren deutlich zu spüren, dass die Pfarrer aus den geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand treten. In Westfalen etwa gehen bis 2030 rund 1.470 Theologen in den Ruhestand. In der hessen-nassauischen Kirche scheiden in den nächsten Jahren mehr als 900 Pfarrer aus dem Dienst. Und Württemberg rechnet ab 2019 teilweise mit mehr als 100 Pfarrern pro Jahr, die in den Ruhestand wechseln.

Parallel machen sinkende Mitgliederzahlen und rückläufige Kirchensteuermittel den Kirchen zu schaffen. Ein damit einhergehender Stellenabbau wird jedoch das Problem Pfarrermangel nicht lösen können. Die hessen-nassauische Kirche kündigte etwa an, bis 2019 mehr als 120 Pfarrstellen abzubauen. Gleichzeitig will sie jedoch bis 2029 rund 550 Nachwuchstheologen einstellen.

Darüber hinaus gehen mehrere Landeskirchen inzwischen in die Offensive: Mit Schnuppertagen an Gymnasien will die bayerische Landeskirche in Zukunft über das Berufsbild der evangelischen Pfarrer informieren. Einen ähnlichen Kurs fährt die hannoversche Landeskirche. Für die Nachwuchswerbung plant sie eine breit angelegte Kommunikationsstrategie, zu der auch eine Projektstelle gehört. Auch hier sprach sich Bischof Meister dafür aus, in Zukunft verstärkt an den Schulen um junge Theologen zu werben. Die Kirche will Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Kirchengemeinden schaffen, damit Abiturienten die Arbeit dort kennenlernen können.

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