Diakoniedirektor will Steuererhöhungen für das Allgemeinwohl

Nachricht 27. Dezember 2012

epd-Gespräch: Ulrike Millhahn (epd)

Hannover (epd). Der hannoversche Diakoniedirektor Christoph Künkel hat sich für Steuererhöhungen im neuen Jahr ausgesprochen. "Wir sehen schon jetzt, dass unsere sozialen Sicherungssysteme die Probleme mittelfristig nicht mehr bewältigen können", sagte Künkel am Freitag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Hannover. Der Anteil armer Menschen werde Untersuchungen zufolge deutlich steigen: "Wir müssen als gesellschaftliche Aufgabe anerkennen, dass wir einen relativ hohen Anteil von Menschen haben werden, die Unterstützung brauchen, wenn sie zum Bruttosozialprodukt beitragen sollen."

Es habe schon immer Personen gegeben, die nur mit erheblichem Assistenzbedarf in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden konnten. Auf jedem großen Bauernhof arbeiteten Künkel zufolge früher Mägde und Knechte, die Hilfen brauchten und sie auch bekamen: "Diese Strukturen haben wir nicht mehr." Deshalb müsse bei Benachteiligten besonders investiert werden. Dann könnten sie auch mehr zum Allgemeinwohl beitragen, als wenn sie nur Transferleistungen erhielten.

"Unser Problem ist ein gesamtgesellschaftliches Klima, in dem jeder nur nach seinem eigenen Wohlergehen schaut", kritisierte der evangelische Theologe, der auch Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen ist. Die Globalisierung habe den weltweiten Siegeszug des Kapitalismus als Leitideologie mit sich gebracht: "Gleichzeitig stöhnen wir aber über die Auswirkungen und fühlen uns nur noch als kleine Rädchen im System." Es würden Impulse gebraucht, die aus dieser Resignation herausführten.

Das könnte zum Beispiel ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement aller sein: "Der Einzelne in sich ist nicht lebensfähig - das ist eine uralte biblische Botschaft." Für die Arbeit der Diakonie bedeute dies, dass die Zuwendung zum Menschen im Vordergrund stehen müsse, betonte Künkel: "Das hat Vorrang vor allen anderen Fragen wie Kosten, Wettbewerb, Lohn oder Profit."

Diakonisches Handeln werde nicht dadurch sichtbar, dass in den Häusern Kreuze oder Bilder mit Bibelversen hingen. Am Überzeugendsten seien Taten, sagte der Diakoniechef: "Wer mit Durchhaltewillen und langem Atem zeigt, dass sich doch noch etwas verändern lässt, findet auch Menschen, die mitmachen."

Die "Diakonie in Niedersachsen e.V." ist einer der größten Wohlfahrtsverbände des Bundeslandes. In den etwa 4.000 Einrichtungen arbeiten rund 76.000 hauptberuflich Beschäftigte und mehr als 20.000 Ehrenamtliche.

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