Hannoverscher Diakoniedirektor warnt vor ruinösem Wettbewerb in der Pflege

Nachricht 26. Dezember 2012

epd-Gespräch: Ulrike Millhahn

Hannover (epd). Der hannoversche Diakoniedirektor Christoph Künkel hat vor einem wachsenden ruinösen Wettbewerb in der Pflege gewarnt. Dieser gehe sowohl zulasten der Mitarbeitenden als auch der Pflegebedürftigen, sagte der evangelische Theologe am Donnerstag im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Unter dem Preiswettbewerb in der Fläche leidet die Qualität, es gibt ein Überangebot an Einrichtungen, und gleichzeitig fehlen überall Pflegekräfte." Dem Pflegereport der Bertelsmann-Stiftung zufolge werden ohne grundlegende Weichenstellungen bis 2030 rund eine halbe Million Pflegekräfte fehlen.

Der Sozialmarkt ist nach Ansicht Künkels davon geprägt, dass "viele Anbieter über ihr soziales Tun ihr eigenes Portemonnaie füllen". Nach der Aufhebung des Kostendeckungsprinzips in der Pflege in den 1990er Jahren sei es zu einem "Quasi-Wettbewerb" gekommen, in dem es nur noch darum gegangen sei, die günstigste Leistung anzubieten: "Der Dienst am Menschen wurde zum Mittel des Gelderwerbs", kritisierte Künkel. Die einzige Lösung sei, zu einer bedarfsorientierten Steuerung zurückzukehren. Der Staat, die Länder und die Kommunen, die laut Grundgesetz für die Daseinsvorsorge zuständig seien, müssten hierfür in die Pflicht genommen werden.

Es würden zum Beispiel keine zusätzlichen stationären Einrichtungen für Pflegebedürftige gebraucht: "Das entspricht auch nicht dem, was die Menschen wollen", sagte der Direktor des Diakonischen Werks. Gefragt sei stattdessen eine viel stärkere Vernetzung von ambulanten, teilstationären und stationären Diensten. Außerdem sei eine angemessene Bezahlung der Mitarbeitenden und eine Berufsvielfalt nötig: "Manche Aufgaben lassen sich prima mit einem Hauptschulabschluss erledigen, für andere kann ein Studium sinnvoll sein."

Inzwischen gebe es auch Modelle, Menschen mit Behinderungen zur Betreuung Älterer einzusetzen: "Warum soll jemand, der körperbehindert ist, nicht hervorragend vorlesen und damit einen Pflegenden entlasten?", sagte Künkel. In Norwegen werde dies bereits erfolgreich praktiziert.

Das Diakonische Werk der Landeskirche gehört nach eigenen Angaben zu den größten Wohlfahrtsverbänden in Niedersachsen. In den etwa 3.500 Einrichtungen arbeiten rund 40.000 hauptberuflich Beschäftigte und über 20.000 freiwillige Helferinnen und Helfer.

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