Buch über die Stalingrad-Madonna neu herausgegeben

Nachricht 05. Dezember 2012

Hannover/Berlin (epd/red). Das Bild der "Stalingrad-Madonna" aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin hat viele Menschen berührt. Das Lutherische Verlagshaus Hannover hat in Berlin ein vierfarbiges Buch über die Kohlezeichnung des Mediziners, Pastors und Künstlers Kurt Reuber (1906-1944) vorgestellt. Herausgeber ist der frühere Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Kruse.

Reuber zeichnete das Bild "Madonna mit Kind" an Weihnachten 1942 als Militärarzt in einem Unterstand vor Stalingrad, dem heutigen Wolgograd, auf die postergroße Rückseite einer russischen Landkarte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die russische Armee die Stadt bereits eingeschlossen, und die deutschen Soldaten kämpften im "Kessel" gegen Kälte und Hunger um ihr Überleben. Die Ruhe, die das Bild ausstrahlt, steht in krassem Gegensatz zum Schlachtenlärm jener Tage.

In seinem "Bunker" feierte Reuber mit seinen Kameraden eine Andacht zum Heiligabend und stellte ihnen dabei die Zeichnung vor. In einem Brief an seine Frau berichtet Reuber, die Soldaten hätten "wie gebannt, andächtig und ergriffen" vor dem Bild gestanden. Gemeinsam mit anderen Bildern Reubers wurde die "Stalingrad-Madonna" Anfang 1943 von einem überlebenden Kameraden mit einem der letzten Flugzeuge aus dem "Kessel" in Sicherheit gebracht und seiner Frau übergeben. Reuber starb im Januar 1944 in russischer Gefangenschaft.

Die Herausgeber des Buches bezeichnen das Bild als "Dokument der Versöhnung und der Menschlichkeit". Eine erste Ausgabe erschien bereits 1992 zum 50-jährigen Gedenken an die Schlacht von Stalingrad. Die Neuausgabe wurde vollständig überarbeitet, aktualisiert und erweitert. Sie nimmt besonders die Entwicklung in den Ländern der ehemaligen Kriegsgegner in den Blick. Auf 176 Seiten bietet sie Beiträge und Fotos zu Reubers Person und Werk, zahlreiche Nachdrucke seiner Bilder sowie Auszüge aus seinen Briefen von der Front.

Neben der "Stalingrad-Madonna" zeichnete Reuber, der vor dem Krieg Pfarrer in Nordhessen war, unter anderem rund 150 Porträts von russischen Männern, Frauen und Kindern, in deren Gesichtern sich das Elend des Krieges spiegelt. "Wie kommt ein Angehöriger der deutschen Wehrmacht dazu, als Arzt, Pfarrer und Künstler mitten im erbarmungslosen Schlachtgetümmel die Seele der zwischen die Fronten geratenen russischen Menschen zu suchen und zu porträtieren?", schreibt Herausgeber Kruse in der Einleitung. "Das bewegt auch russische Menschen, gerade im Raum Wolgograd."

1983 übergab Reubers Familie das Original der "Stalingrad-Madonna" der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wo es seitdem zu sehen ist. Originalkopien hängen in Wolgograd und im britischen Coventry. Weitere Reproduktionen finden sich in zahlreichen Kirchen und Kapellen in Deutschland und Österreich, darunter auch Holzskulpturen.

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