Letzter Sonntag im Kirchenjahr: Ewigkeitssonntag

Nachricht 23. November 2012

Die kalte Hand halten

Keine Angst vor dem Leichnam zu Hause oder im Sarg: Dafür werben Trauerexperten, die in der Tradition des Aufbahrens große Chancen sehen. Zum Beispiel überhaupt erst einmal zu begreifen: Das ist kein böser Traum, mein Vater ist wirklich tot.

Hannover/Bremen (epd, von Dieter Sell (epd)). 20 Kerzen leuchten am Sarg. Flamme für Flamme pustet Arend de Vries die Lichter aus. Vier Tage hat er in Ostfriesland seinen verstorbenen Vater in der Leichenhalle am Friedhof aufbahren lassen, hat ihn in dieser Zeit oft am offenen Sarg besucht. Mal mit Angehörigen, mal mit Freunden, mal alleine. Jetzt ist der Moment gekommen, endgültig. De Vries geht zum Ausgang, schließt von außen die Flügeltüren, erst die linke, dann ganz langsam die rechte. "Das war schwer", blickt der älteste Sohn einer sechsköpfigen Familie zurück. "Da wusste ich: Jetzt sehe ich meinen Vater nie wieder."

So beschreibt der gebürtige Ostfriese den Abschied, der schon drei Jahre her ist, an den er sich aber so gut erinnern kann, als sei es gestern gewesen. Während sein Vater aufgebahrt wurde, bekam die Familie den Schlüssel zur Leichenhalle, konnte kommen und gehen, wann immer sie wollte. "Es waren Tage, an denen die Zeit stillstand", denkt de Vries zurück. Dem evangelischen Seelsorger, der selbst schon vielen Menschen in der Trauer zur Seite stand, half das Aufbahren in seiner eigenen Trauer.

Aufgebahrt werden kann ein Toter auch zu Hause. "In Deutschland kann in der Regel jeder Verstorbene bis zu 36 Stunden nach dem Tod ohne behördliche Genehmigung zu Hause bleiben", erläutert Nikolette Scheidler, Bestatterin in Frankfurt. Wenn das aus räumlichen Gründen nicht möglich ist, bietet sie eine Aufbahrung in ihrem Trauerhaus an: in einem Raum, der eingerichtet ist wie ein Wohnzimmer. Bei fünf Grad Celsius gekühlt kann der Leichnam dort sogar bis zu zehn Tage bleiben.

Eine Zeit, die nach Auffassung des Bremer Trauerexperten Klaus Dirschauer nötig sein kann, um überhaupt zu verstehen: Das ist kein böser Traum, da ist tatsächlich ein geliebter Mensch gestorben. "Erst einmal den Tod aushalten, darauf kommt es an", sagt Dirschauer, für den das Aufbahren Zeit für Klage und Dankbarkeit eröffnet. Doch meist läuft es ganz anders. In der Schockstarre nach dem Tod organisiert der Bestatter für die Angehörigen rasch und reibungslos. Der Tote kommt aus dem Haus, unwiderruflich. In einen Kühlraum, unberührbar. Trauern? Später. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Falsch, sagt nicht nur Dirschauer, der vor einer Trauer warnt, die nicht abgeschlossen ist und in eine Lebenskrise münden kann. Deshalb wirbt er unter Bestattern dafür, Aufbahrungen anzubieten. Wie heute noch in vielen ländlichen Gegenden haben früher Verwandte, Nachbarn und Kinder Tote am offenen Sarg besucht, sie gestreichelt, die kalten Hände gehalten. "Berühren, um zu begreifen", nennt das Nikolette Scheidler. Ein verschütteter Ritus, der nach ihrer Beobachtung gerade neu entdeckt wird. "Die Zahl der Aufbahrungen nimmt wieder zu."

Sie ist davon überzeugt, dass in dieser Zeit dem Verstorbenen noch gesagt werden kann, was gesagt werden muss. "Mancher ist so präsent, ich sehe ihn fast atmen", sagt sie und beschreibt ihre Empfindungen: "Zwei, drei Tage habe ich das Gefühl, dass die Seele noch da ist. Dann kann ich zusammen mit ihm Wein oder Kaffee trinken, mit ihm reden, er antwortet nur nicht. Dann kommt irgendwann der Moment, da ist die Seele weg, da liegt nur noch eine Hülle im Sterbebett oder im Sarg."

Arend de Vries hat diese Tage intensiv genutzt. Zwei Mal hat er seinen Vater ganz alleine besucht und mit ihm gesprochen, hinter sich die abgeschlossene Tür. "Beim ersten Mal habe ich ihm noch mal seine und meine Geschichte erzählt, ganz laut. Dinge, die tief in mir drin waren, nie ausgesprochen, mit allem Guten und Schlechten - das hat mir gut getan", erinnert sich der Pastor, der heute Geistlicher Vizepräsident im hannoverschen Landeskirchenamt ist. Beim zweiten Besuch hat er dem Toten Choräle vorgesungen, die Vater und Sohn ans Herz gewachsen waren. Bachs "Gloria" zum Beispiel. Und ein Weihnachtslied: "Ich steh an deiner Krippen hier."

Es sei für ihn "ein Gang an die Grenzen des Lebens gewesen", meint de Vries. Was viele Menschen davon abhält, ihren Toten aufbahren zu lassen, spielte bei ihm keine Rolle: Die Angst vor dem Anblick des Todes, vor einem Körper, der langsam verfällt. Bestatterinnen wie Nikolette Scheidler verändern am Leichnam bewusst nicht viel. Nichts wird zugenäht oder zugeklebt. Nur unter das Kinn kommt ein Handtuch, damit der Mund nicht offen steht. "Man muss den Tod sehen", ist Scheidler überzeugt. "Das gehört dazu, um ihn begreifen zu können."

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