Zentrum für Jüdische Musik zeigt gerettete Notensammlung

Nachricht 07. November 2012

Hannover (epd). Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover zeigt erstmals eine Ausstellung in seinem neuen Domizil in der Villa Seligmann. Unter dem Titel "Heben Sie das gut auf!" dokumentiert sie seit Donnerstag bis zum 1. Dezember die historische Notensammlung des Oberkantors der Hauptsynagoge in Frankfurt/Main, Nathan Saretzki (1887-1944), wie das Zentrum mitteilte. Saretzki rettete in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 unter Einsatz seines Lebens wertvolle Noten und Handschriften aus der brennenden Synagoge. "Soviel wie er eben tragen konnte", erläuterte das Zentrum.

Später übergab er sie einer befreundeten christlichen Familie mit der Bitte, die Dokumente sorgfältig aufzubewahren. Die Noten überdauerten die Bombennächte des Krieges und lagerten 52 Jahre lang in einem Keller in Wiesbaden. Die Nachkommen der Familie stießen schließlich durch einen Zufall bei der Frankfurter Buchmesse auf den Sohn des Oberkantors und übergaben ihm das Bündel mit 16 Bänden. Dieser wiederum vermachte es dem Direktor des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, Professor Andor Izsak. 1998 wurden die Dokumente im Landtag feierlich übergeben.

Heute gehören sie zum Kernbestand der Sammlungen des Zentrums, das am 17. November in Hannover sein 20-jähriges Bestehen feiert. Das Zentrum erforscht und sammelt Noten jüdischer Musikwerke, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört wurden. Es eröffnete im Januar sein neues Domizil in der Villa des des früheren jüdischen Industriellen und Continental-Direktors Siegmund Seligmann (1853-1925).

Die Ausstellung dokumentiert in Vitrinen die wertvollsten Drucke und Original-Handschriften und erläutert auf Schautafeln die Zeitumstände. Der Oberkantor Nathan Saretzki wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

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Das Stichwort: Reichspogromnacht

Hannover (epd). Mit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen die Nationalsozialisten zur offenen Gewalt gegen die jüdische Minderheit im Reich über. Es brannten Synagogen, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen wurden verwüstet und jüdische Bürger misshandelt. Drei Jahre vor Beginn der systematischen Massendeportationen und nach zahlreichen rechtlichen Diskriminierungen erhielt die Verfolgung der Juden mit den Ausschreitungen einen neuen Charakter.

Als Vorwand für die Übergriffe diente den Nationalsozialisten das Attentat des aus Hannover stammenden 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath am 7. November 1938 in Paris. Propagandaminister Joseph Goebbels nutzte die Gelegenheit, um bei einem Treffen von Parteiführern in München das Signal für die Gewaltaktionen zu geben. In der Öffentlichkeit versuchte die NS-Führung, die Welle der Gewalt als "spontanen Ausbruch des Volkszorns" erscheinen zu lassen.

An den Gewalttaten beteiligten sich vor allem SA- und SS-Männer und Parteimitglieder, vielerorts aber auch Teile der deutschen Bevölkerung. Im Volksmund bürgerte sich wegen der zerstörten Fensterscheiben jüdischer Geschäfte der verharmlosende Name "Reichskristallnacht" für die Ausschreitungen im November 1938 ein. Der Begriff wurde in jüngster Zeit durch die neutralere Bezeichnung "Reichspogromnacht" ersetzt.

 Die Mehrzahl der Synagogen und jüdischen Gebetshäuser ging in der Pogromnacht in Flammen auf. Die offizielle Bilanz waren rund 7.500 verwüstete Geschäfte, 267 zerstörte Synagogen und Gemeindehäuser sowie 91 Tote. Wissenschaftler gehen heute jedoch davon aus, dass mehr als 1.300 Menschen getötet und mindestens 1.400 Synagogen in Deutschland und Österreich stark beschädigt oder zerstört wurden. Das öffentliche Leben der Juden in Deutschland kam nach den Pogromen völlig zum Erliegen.

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