Sozialexperten: Keine Entwarnung bei Armutszahlen

Nachricht 21. Oktober 2012
Hannover/Hemmoor (epd). Die bundesweit rückläufigen Armutsquoten bei unter Dreijährigen sind nach Einschätzung von Sozialexperten kein Grund, Entwarnung beim Kampf gegen das Armutsrisiko für Kleinkinder zu geben. In Niedersachsen bleibe die Quote auf einem hohen Niveau, warnte der hannoversche Diakonie-Direktor Christoph Künkel.
 
Auch der Vorsitzende des Deutschen Kinderschutzbundes in Niedersachsen, Johannes Schmidt (Hemmoor), sagte, die Werte zeigten keine grundlegende Wende. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist die Armutsquote unter den Kleinkindern 2011 im Vergleich zum Vorjahr in Niedersachsen durchschnittlich von 19,4 auf 18,2 Prozent gesunken. Im Land Bremen ging sie von 35,5 auf 33,6 Prozent zurück. Wenn weiterhin fast jedes fünfte Kleinkind in Niedersachsen in Armut aufwachse, sei dies nicht akzeptabel, kritisierte Künkel. "Zudem muss beachtet werden: Die Untersuchung hat nur Familien mit staatlicher Grundsicherung in den Blick genommen." In den Beratungsstellen der Diakonie stelle sich aber in Gesprächen heraus, dass auch viele Familien mit geringem Einkommen an der Armutsgrenze betroffen seien. "Sie können nicht mehr auskömmlich an Bildung und den gesellschaftlichen Prozessen teilhaben."
 
Gerade Alleinerziehende und kinderreiche Familien seien betroffen. Der Landesbetrieb für Statistik habe im September Zahlen veröffentlicht und dabei nicht nur die Situation von Familien mit Kindern unter drei Jahren untersucht. Demnach seien 44 Prozent der Alleinerziehenden und 27 Prozent der kinderreichen Familien armutsgefährdet.
 
Kinderschutzbund-Vorsitzender Schmidt ergänzte, der Geburtenrückgang relativiere die sinkenden Zahlen. Krippen und Kindergärten müssten deshalb "mit noch mehr Druck" ausgebaut werden. Mit Kinderkrippen könne am effektivsten der Kinderarmut vorgebeugt werden. Überdies gebe es große Unterschiede zwischen Land und Ballungszentren. "Wir müssen uns viel stärker die großen Wohnquartiere mit 5.000 bis 10.000 Familien anschauen." Sie böten häufig zu wenig Dienstleistungen für Familien.
Schmidt plädierte dafür, Kindertagesstätten zu Familienzentren auszubauen. Dort müsse es unter einem Dach neben Betreuungsangeboten oder einer Babysitter-Vermittlung auch Nachhilfe oder etwa Erziehungsberatung für Eltern geben.
 
In der Fläche müsse die Politik darauf achten, dass aufgrund des fortdauernden Wegzugs der Menschen vom Land in die Städte die Infrastruktur für Familien nicht zusammenbreche. Häufig blieben Eltern mit wenig Geld. Doch die müssten hoch mobil sein, was zusätzlich koste. Schmidt: "Das trifft Leute mit Armutsrisiko besonders." Kinder, die in Familien leben, die Hartz IV beziehen, gelten laut Bertelsmann-Studie als arm.