Landesbischof wirbt für neue Sicht auf Gesellschaft - Forscher warnt vor Vereinsamung im Alter

Nachricht 12. Oktober 2012

Hannover/Ludwigsburg (epd). Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister wirbt für eine Korrektur des Altersbildes. Für eine verantwortungsvolle Begleitung alt gewordener Menschen sei es nicht tragbar, dass sich in der Diskussion um die alternde Gesellschaft immer wieder Begriffe wie "Rentenlast" oder "Pflegelast" durchsetzen, sagte Meister anlässlich des 60-jährigen Bestehen der Besuchsdienstarbeit in der hannoverschen Landeskirche. Für alle Lebensphasen gelte es, Talente wahrzunehmen und auszuschöpfen, ohne die Möglichkeit der zunehmenden Angewiesenheit auf Hilfe auszublenden.

Gerade in der Kirche sei es geboten, der sich immer stärker durchsetzenden "Kommstruktur" einen Ausbau der aufsuchenden Arbeit entgegenzusetzen, sagte der Bischof. Menschen müssten im Blick behalten werden, die aufgrund nachlassender Kräfte, fehlender sozialer Bindungen oder aus finanziellen Gründen nicht mehr in der Lage seien, sich auf den Weg zu machen. Für ihn sei es das Wagnis der nächsten Jahre, sich vielleicht auch einmal gegen die "political correctness" zu wenden, die ständig neue Mobilität und Aktivität bis ins hohe Alter thematisiert.

Der Altersforscher Eckart Hammer hatte vor einer zunehmenden Vereinsamung pflegebedürftiger und armer Menschen im Alter gewarnt. Sie seien noch zu wenig im Blick. "Wir haben einen starken Fokus auf die fitten und aktiven Senioren", sagte der Ludwigsburger Professor für Sozialgerontologie. "Pflegebedürftige, chronisch Kranke und ihre Angehörigen werden oft vergessen, weil sie das Haus nicht mehr verlassen", sagte der Sozialwissenschaftler. Zudem verschärfe sich im Alter das Problem, durch Armut nicht teilhaben zu können.

Hammer warnte zugleich davor, die Schattenseiten des Alterns zu verdrängen. "Jeder wünscht sich, lange fit zu bleiben. Aber wir sollten uns auch darauf einrichten, dass es anders kommen kann." Dazu sei ein Bewusstseinswandel nötig. "Es gibt noch zu viele Altersverräter, die mit Schminke und mit Liften suggerieren, ein Leben mit Gebrechen sei nicht lebenswert." Doch gerade das schüre nur die Angst vor dem Alter.

Pflegedürftigkeit sei heute ein noch größeres Tabu-Thema als das Sterben. Dabei berge jede Lebensphase auch Qualitäten, erläuterte der Wissenschaftler. In Interviews hätten ihm etwa Männer, die ihre Frauen pflegten, auch von positiven Erfahrungen berichtet: "Sie haben zum Beispiel neue Fähigkeiten wie Fürsorglichkeit an sich entdeckt."

Als beispielhaft für ein neues Denken sieht Hammer Projekte wie "demenzfreundliche Kommunen". Dabei schulten die Städte etwa Verkäufer im Einzelhandel oder Busfahrer im Umgang mit altersverwirrten Menschen. "Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima, in dem behinderte Menschen oder Menschen mit Altersdemenz nicht ausgegrenzt werden."

Mitarbeiter von Besuchsdiensten sollten noch besser ausgebildet werden. Sie kämen in die Häuser und könnten als "Lotsen" weitere Beziehungen nach außen vermitteln, sagte Hammer. Die meisten der rund 1.300 Kirchengemeinden in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers haben einen Besuchsdienst. Ehrenamtliche besuchen dabei vor allem zu Geburtstagen Gemeindemitglieder.