Das Tor zum Märchenland

Nachricht 03. Oktober 2012

Erzählkünstler faszinieren ihr Publikum allein durch das gesprochene Wort

Von Stefan Korinth (epd)

Fernsehen und Internet haben die Unterhaltungsansprüche der Menschen grundlegend verändert. Doch es geht auch anders: Erzählkünstler setzen auf die gute alte mündliche Geschichte und fesseln ihre Zuhörer durch Stimme, Mimik und Gesten.

Hannover/Lübeck (epd). Wer sich mit Jana Raile auf eine Reise begibt, kann viel erleben. Da geht es schon mal durch tiefe Seen und über hohe Berge bis zu einem goldenen Tor, für das man einen unsichtbaren Schlüssel braucht. Es ist das Tor zum Märchenland, und der Schlüssel dazu ist nichts anderes als die eigene Fantasie. Jana Raile ist professionelle Erzählkünstlerin. Beim 15. Festival der Erzählkunst in Hannover ist sie noch bis zu diesem Sonntag live zu hören - neben anderen Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Deutschland, die ihre großen und kleinen Zuhörer allein durch das gesprochene Wort faszinieren.

Bei einem Festival-Auftritt im Markus-Kindergarten nimmt die 43-jährige rund hundert Mädchen und Jungen mit auf ihre fantastische Erzählreise. Mit viel Gestik, Liedern und kleinen Rätseln bindet sie die Kinder immer wieder in das Erzählte ein. Dabei muss Jana Raile die Kleinen nicht besonders animieren, denn sie machen begeistert mit. "Die Kinder haben den Schlüssel der Fantasie noch nicht verloren", sagt die Erzählerin aus Neustadt bei Lübeck. "Ganz anders als viele Erwachsene, die meist sehr in ihrem Alltag gefangen sind."

Die Erzählkünstlerin ist normalerweise auch keine Märchenvorleserin für Kinder, sondern erzählt Erwachsenen aus Werken der romantischen Literatur, etwa von E.T.A. Hoffmann. "Für viele Erwachsene sind die Geschichten ein Kurzurlaub für die Seele, und oft haben sie Märchen sogar nötiger als die Kinder", erzählt die gebürtige Fürtherin. Das liegt auch an Internet und Fernsehen, gegenüber denen das klassische mündliche Erzählen heute manchmal wie ein Relikt aus alter Zeit wirkt. Mit schnellen Schnitten, viel Action und der Möglichkeit des "Wegzappens" erzeugen die modernen Medien ein Publikum mit anderen Unterhaltungsansprüchen als in früheren Zeiten.

Mit ihrer 20-jährigen Berufserfahrung hat Jana Raile bemerkt, dass sich an den Aufmerksamkeitsspannen ihres Publikums etwas geändert hat. Zwar war im evangelischen Markus-Kindergarten von Konzentrationsmängeln bei den kleinen Zuhörern nichts zu bemerken. Doch dies liege in erster Linie an den fesselnden Erzählungen selbst: "Die Geschichten mit ihren Prüfungen, Helfern und Helden sind das wirklich Magische für die Kinder." Um im Internet-Zeitalter Menschen durch mündliches Erzählen zu begeistern, sei aber auch eine faszinierende Sprache und eine besondere Umsetzung durch Mimik und Gesten nötig.

Die originale Ausdrucksweise der Brüder Grimm, die Jana Raile für ihre Märchen nutzt, scheint die Kinder auch nicht zu verwirren. "Ich nutze absichtlich die alte Sprache, um den Wortschatz der Kinder zu erweitern", sagt sie und berichtet von kleinen Zuhörern, die nun anstelle von geil oder cool "über die Maßen schön" sagen. "Gerade die Kinder lernen gute Sprache sehr schnell."

Auch sie selbst lernte schnell: Mit 17 Jahren hörte Jana Raile das erste Mal einen Live-Erzähler und war fortan mitgerissen von dieser Kunst. Bereits ein Jahr später trat sie selbst als Erzählerin auf und brach dafür sogar ihre Ausbildung zur Krankenschwester ein halbes Jahr vor dem Examen ab. "Ich bin sozusagen Autodidaktin, aber für mich war die Erzählkunst von Anfang an eine Berufung." Im Alter von 23 Jahren machte sie sich selbstständig, und seit 1994 bildet sie Erzähler in Seminaren aus. Mittlerweile ist sie als Künstlerin mit 60 bis 80 Veranstaltungen im Jahr etabliert und hat zwei Bücher zur Trauerbegleitung mit Märchen geschrieben.

Bei einer "Erzählnacht" in der hannoverschen Markuskirche lässt Jana Raile am Samstagabend erneut Geschichten lebendig werden. Rund 1.500 Besucher werden zum 15. Festival der Erzählkunst insgesamt erwartet. "Das Festival ist etwas ganz Besonderes, das man einmal erlebt haben muss. Viele denken aber leider immer noch, dass da nur vorgelesen wird."

Die "Erzählnacht" im Rahmen des 15. Festivals der Erzählkunst beginnt um 19.30 Uhr in der evangelischen Markuskirche Hannover.

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