Pionier und Quereinsteiger Hikmet Gökdemir - Ein Sportler ist der erste islamische Religionslehrer an einer Gesamtschule in Niedersachsen

Nachricht 02. September 2012

Von Martina Schwager (epd)

Er studierte Sport und ließ sich zum Physiotherapeuten ausbilden. Jetzt ist Hikmet Gökdemir mit 47 Jahren der erste Lehrer für islamische Religion an einer Gesamtschule in Niedersachsen. "Die Religion hat mir Kraft gegeben", sagt er.

Hannover/Osnabrück (epd). Noch steckt er im Prüfungsstress. Ab Oktober ist Hikmet Gökdemir der erste Lehrer für islamische Religion an einer Gesamtschule in Niedersachsen. Seine künftigen Kollegen von der evangelischen Integrierten Gesamtschule (IGS) Wunstorf hat der 47-Jährige bereits während einer gemeinsamen Fortbildung im Kloster Loccum kennengelernt. Seine erste evangelische Andacht hat er bei dieser Gelegenheit auch gleich erlebt: "Da muss man sich ja informieren."

Er wird der einzige Muslim unter lauter Protestanten sein. Doch das ficht ihn nicht an: "Ich bin da ganz offen", sagt er und lächelt. Er ist ein lockerer Typ mit kurz abgesäbelten grauen Haaren und freundlichen Augen. "Wenn man in diesem Land lebt, dann lebt man miteinander und lernt voneinander."

Am Montag haben die Kollegen an der vor zwei Jahren gegründeten IGS das Schuljahr noch ohne ihn begonnen. Zwei Prüfungen und eine Abschlussarbeit in Islamischer Religionspädagogik an der Uni Osnabrück muss er noch schaffen. Dann ist der gebürtige Türke der erste Absolvent dieses Erweiterungsstudiengangs, der an einer weiterführenden Schule in der Sekundarstufe I unterrichten wird. Neben Religion wird er auch Sport geben. 24 der 420 Schüler sind in Wunstorf für den islamischen Religionsunterricht angemeldet.

Die IGS ist die zweite weiterführende Schule in Niedersachsen, die überhaupt islamischen Religionsunterricht anbietet. Die erste war eine katholische Hauptschule im emsländischen Papenburg. "Ich bin erstaunt und erfreut, dass gerade zwei kirchliche Schulen Vorreiter sind", sagt der Direktor Zentrums für Interkulturelle Islamstudien, Bülent Ucar aus Osnabrück. Offiziell hat das Innenministerium den Beginn für islamische Religion ab der fünften Klasse erst für 2014 festgelegt.

Ucar hat auch den Kontakt hergestellt zwischen der evangelischen Landeskirche, die Trägerin der IGS ist, und Gökdemir. Er hält große Stücke auf den nicht mehr ganz jungen Quereinsteiger. "Er wird die Kinder begeistern." Das Lob von höchster Stelle freut den künftigen Pionier natürlich. Er hat nie ein Referendariat absolviert.

Gökdemir hat Sport studiert, auf Diplom. "Das war schon immer mein Hobby." Man sieht es ihm an: Er wirkt muskulös und durchtrainiert. Bei Hannover 96 wurde er Jugendtrainer. Dann hat er sich als Sportjournalist versucht und schulte schließlich zum Physiotherapeuten um: "Danach war ich der erste Türke in Hannover, der Sportlehrer und Physiotherapeut war."

In diesem Beruf arbeitet er bis heute - und ist eigentlich begeistert von dem Job. Eigentlich. Denn der Lehrberuf schwirrte ihm immer im Kopf herum: "Meine Mutter und meine erste Uni-Lehrerin hatten gesagt, ich wäre bestimmt ein guter Lehrer." In seiner Moscheegemeinde erteilte er ehrenamtlich Kindern Koran-Unterricht. Das gefiel ihm. Vor drei Jahren machte der Imam ihn dann auf das Angebot der Uni in Osnabrück aufmerksam. Dort können zukünftige Lehrer islamische Religionspädagogik als drittes Fach studieren.

Er sei immer schon wissbegierig und ehrgeizig gewesen, erzählt der Ehemann und Vater zweier Töchter. Also versuchte er es. "Doch die vergangenen drei Jahren waren hart und für die Familie eine echte Zerreißprobe." Tagsüber in der Praxis. Abends lernen und Referate schreiben. Am Wochenende in Osnabrück Seminare und Vorlesungen besuchen. "Doch die Religion hat mir Kraft gegeben." Das will er nun den Kindern weitergeben.

Auch der interreligiöser Dialog ist ihm wichtig. Seinen Schülern will er Offenheit vermitteln. "Sie müssen lernen, was den Christen Weihnachten und Ostern bedeutet." Dass er gerade als Sportlehrer auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben wird, ahnt Gökdemir. Er würde Eltern, die ihre Töchter nicht zum Schwimm-Unterricht schicken, nie verurteilen. Er will überzeugen. "Ich will ihnen klarmachen, was ein Ausschluss für ihre Kinder bedeuten würde. Sie sollen spüren, wie wichtig es ist, sich auch als gläubiger Moslem in die Gesellschaft zu integrieren."

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