Familienzentren in Niedersachsen

Nachricht 30. März 2012

Osnabrück (epd). Die Tische sind liebevoll mit Blumen dekoriert. Warme Sonnenstrahlen und heiteres Stimmengewirr erfüllen den Raum. Von nebenan dringt Kinderlachen herüber. Marlies Rethschulte geht von einem zum anderen, hört zu, plaudert. Die 66-Jährige ist die Seele des Lukas-Cafés. Es gehört zum evangelischen Familienzentrum im Süden Osnabrücks: "Sie ist ein Glücksgriff. Solche Menschen braucht man", sagt dessen Leiterin Marianne Fährmann: "Aber nur mit Engagement geht es nicht", schränkt sie ein.

Wie in Osnabrück geht es vielen der rund 150 zu Familienzentren ausgebauten Kindertagesstätten in Niedersachsen: Sie fühlen sich von Land und Kommunen allein gelassen. Die Arbeit der Familienzentren halten zwar alle für sinnvoll. Sprachkurse für Mütter, offene Cafés mit Kinderbetreuung, Sozial- und Erziehungsberatung, Lese-, Musik- oder Theaterprojekte können dort zentral und niedrigschwellig angeboten werden. "Aber um den Betrieb dauerhaft zu sichern, müssen wir immer wieder kämpfen", sagt Fährmann.

"Immer mehr Eltern sind in Erziehungsfragen unsicher oder haben mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen", erläutert Sozialwissenschaftlerin Dörte Detert aus Hannover. Viele trauten sich jedoch nicht in spezielle Beratungsstellen. Gleichzeitig seien immer mehr Eltern berufstätig und hätten wenig Zeit. Das Familienzentrum stelle für alle ein gutes Angebot dar. Die Tagesstätte mit den Erzieherinnen übernehme eine Art Brückenfunktion.

Fährmann hat derzeit acht Stunden für die Leitung des Zentrums bewilligt bekommen. Die hannoversche Landeskirche gibt Geld für eine Anschubfinanzierung. Vereine, Familienbildungsstätten, Diakonie oder städtische Einrichtungen klinken sich mit ihren Angeboten ein. Aber allein für die Leitung wäre dauerhaft mindestens eine halbe Stelle nötig, sagt Fährmann. Einen Großteil ihrer Zeit verwendet sie dafür, Fördergelder und Sponsoren aufzutreiben. Nur wenige Kommunen unterstützen das Projekt finanziell.

Ein wenig neidisch blickt die Leiterin aus der Stadt Osnabrück in den benachbarten Landkreis sowie nach Hannover und Nordrhein-Westfalen. In NRW werden Familienzentren mit einem Landesprogramm gefördert. Der Landkreis Osnabrück gibt pro Jahr 12.000 Euro für ein Familienzentrum.

Die Stadt Hannover unterstützt Familienzentren sogar mit je 40.000 Euro pro Jahr. Sie müssen sich verpflichten, das aus England stammende pädagogische Konzept des "Earls Excellence" einzuführen, erläutert Heike Engelhardt vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung. Es sei darauf ausgerichtet, sich nicht an den Schwächen und Defiziten der Familien zu orientieren, sondern die Hilfsangebote auf deren Stärken aufzubauen.

Das Lukas-Café ist im Stadtteil mittlerweile ein Treffpunkt für Jung und Alt. Sandra Baumgarten kann sich hier mit anderen Müttern austauschen, während ihre drei Kinder nebenan betreut werden: "Die Großeltern wohnen weit entfernt. Da bin ich dann mal für einen Nachmittag entlastet." Aus der Gruppe kommen immer wieder neue Ideen und Projekte. Fährmann und ihr Team wollen demnächst eine Gruppe von "Leihomas" aufbauen. Eine ältere Besucherin engagiert sich seit einigen Monaten einmal pro Woche als "Leseoma" in der Kita.

Allerdings vermissen die Organisatoren noch immer benachteiligte und hilfsbedürftige Familien. Heike Engelhardt meint, es müsse sich erst herumsprechen, dass ein Familienzentrum allen Familien Hilfen anbietet: "Jeder kann hier von den Angeboten profitieren." Die Besucher dürften sich nicht als Versager stigmatisiert fühlen. Dann kämen letztlich auch die, die Hilfen dringend nötig hätten. "Doch dazu braucht es einen langen Atem und eine verlässliche Finanzierung mit Hilfe von Ländern, Kommunen und Trägern."

Von Martina Schwager (epd)

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