Emanzipation: Erinnerung an erste Oberin der Henriettenstiftung

Nachricht 21. Februar 2012

Frauen-Emanzipation in Gesellschaft und Diakonie am Beispiel der Henriettenstiftung: Vor 200 Jahren, am 27. Februar 1812, wurde die erste Oberin Emmy Danckwerts geboren. Gedenkfeier und Aufstellen einer Biografietafel am Montag, 27. Februar 2012, 14.00 Uhr Salemsfriedhof, Hannover-Kirchrode, Ostfeldstraße

An eine wenig bekannte Seite der Frauenemanzipation des 19. Jahrhunderts erinnert jetzt die Henriettenstiftung. Die erste Oberin, Emmy Danckwerts, verstand ihr Diakonissenamt als berufliche Emanzipation. Sie leitete denn auch eigenständig - ohne Unterordnung unter einen Mann - die damals noch junge Henriettenstiftung mit Mutterhaus und Krankenhaus. Vor 200 Jahren, am 27. Februar 1812, wurde Emmy Danckwerts im Wendland geboren als Tochter einer alteingesessenen Pastorenfamilie. Die Gedenkfeier ist um 14.00 Uhr auf dem Salemsfriedhof in der Ostfeldstraße in Hannover-Kirchrode. Anschließend um 15.00 Uhr gibt es ein Kaffeetrinken im Mutterhaus der Henriettenstiftung in der Marienstraße und abends um 19.00 Uhr ist ein Konzert in der Mutterhauskirche.

Der Weg zur Eigenständigkeit war Emmy Danckwerts keineswegs in die Wiege gelegt. Sie wuchs in einem rationalistisch geprägten Pastorenhaus im Wendland auf. Als ihr Vater starb, war sie gerade 19 Jahre alt. Möglichkeiten von Ausbildung und Studium standen ihr als Frau nicht offen; so hätte sie nur heiraten oder Hauslehrerin werden können. Tatsächlich war sie zunächst Erzieherin in einigen Häusern ihrer Familie. Erst im Alter von 36 Jahren erschloss sie sich einen anderen Weg. Sie wurde Diakonisse. Prägend dafür war für sie die Begegnung mit der lutherischen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Von dort aus fand sie den Weg zu beruflicher Gestaltung.

Bereits die Wahl des Diakonissenmutterhauses war ungewöhnlich genug. Das Haus Bethanien vor den Toren Berlins gehört zu den ersten der damals neu gegründeten Einrichtungen der „weiblichen Diakonie“. Das Besondere war hier: Die Leitung des Hauses hatte die Oberin allein inne; der Geistliche des Hauses war lediglich als Berater tätig und der Oberin unterstellt. Dort wurde Emmy Danckwerts 1848 Probeschwester. Zugleich erhielt sie eine qualifizierte Ausbildung, und zwar als Apothekerin. Ihr Ausbilder war kein geringerer als spätere Romancier Theodor Fontane, der in seinen Memoiren lebhaft von dieser Ausbildungszeit berichtet. Emmy Danckwerts bestand die Prüfung und übernahm auch gleich die Leitung der Apotheke des Hauses. Wenig später war sie in weiteren Funktionen im Haus Bethanien tätig und übernahm dann die Leitung eines Krankenhauses in Schlesien.

Schon damals zeichnete sie sich aus durch einen unerschrockenen Umgang mit der Obrigkeit. So wird von einem wenig unterwürfigen Umgang mit dem damaligen König Preußens, Friedrich Wilhelm IV., berichtet. Die Welfen in Hannover wurden auf sie aufmerksam durch den Bruder von Emmy Danckwerts, der Pastor in Hannover war. Denn Königin Marie von Hannover suchte eine Oberin für die neue Henriettenstiftung, die mit Geldern aus dem Erbe von Maries Großmutter, Henriette von Württemberg, und weiteren Dotationen vor allem von König Georg V. ausgestattet wurde. 1859 kam sie nach Hannover und 1860 wurde sie als Oberin eingeführt, und zwar bei der Eröffnung des Kranken- und des Mutterhauses.

Ihre erste Aufgabe war es, die Stellung der Frau innerhalb der Stiftung festzuschreiben. Das Vorbild Bethanien mit der starken Stellung der Frau blieb erhalten. Männer als Geistliche und Ärzte hatten lediglich beratende Funktion. Dann ging es darum, einen Neubau vor den Toren Hannovers zu organisieren. Denn der Altbau reichte nicht aus. Gewonnen wurde der damalige Hofbaurat Tramm, der Vater jenes bekannten Stadtdirektors. 1861 war die Grundsteinlegung und 1863 konnte der Neubau bezogen werden. Er bildet noch heute den Kern des Gebäudes an der Marienstraße.

Die ersten Jahre standen auch unter dem Zeichen der Kritik. Die Diakonissen wirkten auf manche Bürger des protestantischen Hannover wie katholische Nonnen, und die gehörten viel mehr ins benachbarte Hildesheim. Auch das liberale Bürgertum der Stadt blieb zurückhaltend. So begann die Henriettenstiftung mit einer kleinen Besetzung, zwei Diakonissen, fünf Novizen und vier Probeschwestern. Die Personalsituation besserte sich erst allmählich. Die erste Verdoppelung gab es bereits wenige Jahre später. Das war jedoch kein Vergleich zu den starken Jahren, als es Ende der 1920er Jahre zeitgleich fast tausend Diakonissen gab.

Das alles hat Emmy Danckwerts nicht mehr miterlebt. Sie starb bereits 1865 mit 53 Jahren an einem damals unbekannten Leiden. Damit war auch die Zeit der Alleinstellung der Diakonissen in der Henriettenstiftung beendet. Jetzt wurde die Stelle eines leitenden Geistlichen als Vorsteher geschaffen.

An die erste Oberin und ihre Impulse in ihrer Zeit erinnert jetzt eine Biografietafel auf dem Friedhof der Henriettenstiftung. Weitere dieser Tafeln sollen folgen. Sie sind ein Element des Vorhabens der Henriettenstiftung, auf dem Schwesternfriedhof einen „Pfad der Erinnerung“ anzulegen.

Diese Tage sind ohnehin Festtage in der Henriettenstiftung. Am Freitag, 24. Februar, 19.00 Uhr findet zum 15. Mal ein Benefizkonzert zugunsten der Erhaltung Schlesischer Orgeln statt. Am Sonntag, 26. Februar, 10.00 Uhr ist Fest-Gottesdienst anlässlich des Jubiläums zum Bau der Orgel: Vor 50 Jahren wurde die Orgel des Mutterhauses eingeweiht. Und an diesem Tag ist die Wiedereinweihung der Orgel nach Monaten der Renovierung. Den Abschluss bildet ein Orgel und A-capella-Konzert am Montag, 27. Februar, 19.00 Uhr in der Mutterhauskirche. Es spielt das Ensemble Quartessenz, das aus Studierenden der Hochschule für Musik, Theater und Medien besteht.

Weitere Informationen: Vorsteher Pastor Volker Milkowski, Telefon (0511) 289-2211, Oberin Pastorin Heike Löhr, Telefon (0511) 289-2178, Projektleiterin Ulrike Tüpker, (0511) 289-2216, Kantorin Schwester Anke-Christina Müller, (0511) 289-2341; Joachim Döring, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 289-2307; Henriettenstiftung, Marienstraße 71-90, 30171 Hannover.