Landesbischof kritisiert "Kultur der permanenten Anklage"

Nachricht 29. Januar 2012

Osnabrück (epd/red). Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat sich für öffentliche Formen von Buße und Vergebung ausgesprochen. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Montagsausgabe) sagte Meister zur Frage nach Erwartungen an Politiker, etwa an die Lebensführung des Bundespräsidenten: "Wir haben eine Kultur der permanenten Beschuldigung und Anklage entwickelt, die teilweise auch von den Medien verfolgt wird." Eine Gesellschaft könne aber nur zusammengehalten werden, wenn es neben der Anklage auch so etwas wie ein Bußsakrament gebe, das eine Form der öffentlichen Vergebung ermögliche.

"So ein Instrument gibt es in unserer offenen, medialen Gesellschaft nicht mehr", sagte der evangelische Theologe: "Wir können öffentlich anklagen, aber nicht öffentlich vergeben."

Außerdem müsse die Frage gestellt werden, was in einer Gesellschaft passiere, die außerordentliche Erwartungen an Prominente formuliere. Wer Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Ministerpräsident oder Bischof sei, müsse sich immer in einem hohen Erwartungsrahmen bewegen. "Das wirkt sich direkt auf das persönliche Leben aus", sagte Meister: "Viele wünschen sich Menschen, die sich vorbildlich verhalten; vorbildlicher als sie selbst." Gleichzeitig müsse aber überlegt werden, was man diesen Vorbildern zumute und was man realistischerweise erwarten könne.

Meister ist seit dem März 2011 Landesbischof und Nachfolger von Margot Käßmann, die im Februar 2010 nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss am Steuer ihres Dienstwagens zurückgetreten war. Meister sagte, auch er selbst empfinde die hohen Ansprüche an ihn manchmal als Last. In seinen Begegnungen mit vielen Menschen erlebe er zum Teil Erwartungen, "die ich weder als Bischof noch als Mensch, als Ralf Meister, erfüllen kann". Das empfinde er als schwer in seiner Aufgabe.

Kritisch äußerte sich der Bischof zu anonymer Kritik im Internet, wie sie auch an Bundespräsident Wulff geübt wurde. "Dieser Stil ist definitiv nicht in Ordnung", sagte Meister. Früher seien solche Kommentare am Stammtisch oder im Freundeskreis geblieben. "Wir erleben eine Öffentlichkeit via Internet, in der Menschen überhaupt nicht mehr zu ihren Worten stehen, weil sie diese anonym produzieren und im Schutz des Verborgenen alles ausschütten können", erklärte der Theologe: "Die Verantwortung für das, was jemand sagt und schreibt, geht bei anonymer Kritik im Internet verloren. Das geht nicht und macht mich zornig."

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen