Kulturforscher: Immer mehr Reisende suchen sinnstiftende Erfahrungen

Nachricht 24. Januar 2012

epd-Gespräch: Karen Miether

Hannover/Potsdam (epd). Immer mehr Menschen suchen Studien zufolge im Urlaub nach sinnstiftenden und spirituellen Erfahrungen. "Sie wollen etwas Dauerhaftes finden, einen Lebensinhalt, mit dem sie sich weiter beschäftigen können", sagte der Potsdamer Psychologe Christoph B. Melchers am Mittwoch im epd-Gespräch in Hannover. Der Leiter des Institutes für Markt- und Kulturforschung "zweieinheit" stellte bei einer Tagung von "Kirche im Tourismus" seine Untersuchung über Motive des spirituellen Tourismus vor.

Melchers rechnet dazu nicht nur religiöse oder esoterische Angebote. Zu den Reisenden mit spirituellen Motiven zählen für ihn auch Kunsttouristen oder Urlauber, die etwa Geburtshäuser berühmter Persönlichkeiten besuchen. "Sie fahren an Orte, an denen Weichen der Geschichte gestellt wurden, und wollen familiär werden mit dem Besonderen."

Die Erwartungen der Reisenden seien hoch. "Sie haben die Hoffnung, dass sich ihr Leben umkrempelt." Oft ließen sich die Erfahrungen aber nicht dauerhaft mit in den Alltag nehmen. Außerdem brauche es eine passende Dramaturgie, damit Urlauber tatsächlich die erhoffte "Gänsehaut-Wirkung" spürten. "Es reicht nicht, mit dem Bus nach Pompeji gekarrt zu werden", erläuterte der Psychologieprofessor. "Dann sieht man ein paar Ruinen und man merkt nichts." Die Reisenden wollten eingeführt werden oder etwa durch eine Inszenierung historische Szenen nacherleben.

Vor allem Klöster versprächen eine Gegenwelt zum Alltag, sagte Melchers. "Da kommt es nicht darauf an, über das Neuste informiert zu sein und sich in Szene zu setzen, sondern Klöster stehen für Beständigkeit und Bescheidenheit", erläuterte der Psychologe. "Sie versprechen etwas, was es sonst schon gar nicht mehr zu geben scheint." Wer sich darauf einlasse, wolle etwas lernen, um der Sinninflation nicht mehr so stark ausgesetzt zu sein.

Im Alltag würden Menschen von Sinnversprechen überhäuft, die von der Entspannung beim Yoga bis zur Chance auf Reichtum reichten. "Manche sind das leid und suchen etwas Bleibendes." Die alten Römer, eine Mozartoper oder die Religionen hätten beispielsweise schon viele Jahrhunderte überdauert.

Bei der Suche nach dem Besonderen könne es aber auch zu Entdeckungen am Wegesrand kommen. Davon profitierten Kirchen, die Besuchern außerhalb der Gottesdienste verlässliche Öffnungszeiten garantierten, sagte Melchers bei der Veranstaltung zum Thema "offene Kirchen". In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers tragen nach Angaben von "Kirche im Tourismus" mittlerweile 260 Kirchen ein entsprechendes Hinweisschild.

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