"Es gibt uns das köstliche Gefühl, dass all das Erlittene nicht umsonst gewesen ist" - Gedenkstätte für das ehemalige KZ Esterwegen im Emsland eröffnet

Nachricht 30. Oktober 2011

Esterwegen/Kr. Emsland (von Jörg Nielsen - epd). Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister (beide CDU) haben am Montag eine Gedenk- und Dokumentationsstätte für das ehemalige Konzentrationslager Esterwegen im niedersächsischen Emsland eröffnet. Neumann dankte den überlebenden Häftlingen, die aus ganz Europa angereist waren: "Niemand kann wieder gutmachen, was Sie erlitten haben. Wir empfinden tiefe Dankbarkeit dafür, dass Sie heute hier sind."

Die mehr als 600 Gäste, unter ihnen viele Zeitzeugen, schritten in einem langen Zug über die alte Lagerstraße zu einer Stahlwand am westlichen Ende der Gedenkstätte. Auf der Wand sind die Namen aller 15 Moorlager angebracht. Dort waren von 1933 bis 1945 insgesamt rund 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene und bis zu 180.000 Kriegsgefangene inhaftiert. Die Insassen nannten die Lager "Die Hölle im Moor". Prominentester Häftling war der spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky. Als Gefangener mit der Nummer 562 litt er dort von 1934 bis 1936.

Der evangelische hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der katholische Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück und der jüdische Landesrabbiner Jonah Sievers aus Braunschweig lasen biblische Psalmen vor. Opferverbände, Kirchenvertreter und Politiker legten Kränze nieder.

Der ehemalige belgische Häftling Hendrik Verheyen rang während seiner Ansprache mit der Fassung: "Wir waren im Dritten Reich keine Menschen, sondern nur Nummern", sagte er. Bislang hätten die Gestorbenen nur im Herzen ihrer Mithäftlinge einen Platz gehabt.
"Aber jetzt haben sie auch noch einen Platz an dem Ort, wo sie gelitten haben. Es gibt uns das köstliche Gefühl, dass all das Erlittene, all unsere Opfer, nicht umsonst gewesen sind."

Verheyen war ein "Nacht-und-Nebel-Gefangenener". So wurden die Widerstandskämpfer in den von Deutschen besetzten Gebieten genannt, die so plötzlich verhaftet wurden, dass für die Angehörigen zunächst jede Spur von ihnen fehlte.

Die neue Gedenkstätte wurde auf dem Gelände des einstigen Lagers erreichtet, von dem nur noch ein paar Spuren unter der Rasennabe erhalten sind. Jetzt zeichnen große rostüberzogene Stahlplatten die Lagermauer, Wachtürme und Tore nach. Wo einst die Baracken für jeweils mehr als 100 Männer standen, wachsen in deren Umrissen junge Bäume. Einzelne Schautafeln zeigen Originalfotos und Zitate ehemaliger Gefangener.

Der Bochumer Historiker Bernd Faulenbach betonte die Bedeutung von Esterwegen für alle weiteren KZs der NS-Zeit. Esterwegen und Börgermoor seien die ersten systematisch geplanten Lager gewesen. Besonders in Esterwegen seien viele politische Gefangenen inhaftiert gewesen, sagte Faulenbach.

Neben Ossietzky waren dies beispielsweise der SPD-Fraktionsvorsitzende im preußischen Landtag, Ernst Heilmann, und der Reichstagsabgeordnete und politische Lehrer des späteren Kanzlers Willy Brandt, Julius Leber. "Keine Frage: Ein Teil der demokratischen Elite dieses Landes war in diesen Lagern eingesperrt", resümierte Faulhaber.

Niedersachsens Ministerpräsident McAllister sagte, die Gedenkstätte solle ein Ort des Lernens sein. Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Demokratie seien nicht selbstverständlich. Die Forschung in der Gedenkstätte reiße die Opfer aus ihrer Anonymität. "Erinnern ist wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung der Zukunft in Frieden. Darum haben wir als Land die Verpflichtung die Erinnerungsarbeit zu fördern."

Internet: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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31.10.2011

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KZ-Gedenkstätte Esterwegen mit ökumenischem Gottesdienst eingeweiht

Esterwegen/Kr. Emsland (epd). Mit einem ökumenischen Gottesdienst sind am Sonntagabend die Räume und das Gelände der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Esterwegen im Emsland eingeweiht worden. Dort soll künftig an die Opfer des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen und 14 weiterer Lager im Emsland erinnert werden. Von 1933 bis 1945 waren in den Moorlagern insgesamt rund 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene und bis zu 180.000 Kriegsgefangene inhaftiert. Bis zu 30.000 Menschen kamen ums Leben. Die offizielle Eröffnung der Gedenkstätte mit Ministerpräsident David McAllister (CDU) ist für Montag geplant.

Im Gottesdienst sagte der evangelische Landessuperintendent Detlef Klahr aus Aurich laut Manuskript, das Gelände sei "ein verwundeter, versehrter Ort". Es sei notwendig, sich der Vergangenheit zu stellen: "Nur wer seine Geschichte verstehen lernt, kann die Zukunft gestalten." Der katholische Generalvikar Theo Paul aus Osnabrück sagte, die Gedenkstätte erinnere "an das unvorstellbare Leid, das Menschen hier ihren Mitmenschen zugefügt haben". Sie trage dazu bei, "die Klagen und Schreie der Gefangenen nicht verstummen zu lassen".

Prominentestes Opfer in Esterwegen war der Schriftsteller, Pazifist und spätere Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889-1938). Als Gefangener mit der Nummer 562 litt er dort von 1934 bis 1936. Weltbekannt wurden die Emslandlager durch das 1933 von KZ-Insassen geschriebene Lied "Die Moorsoldaten". Es wurde unter der NS-Diktatur eine der bekanntesten Lager- und Freiheitshymnen.

Der Bund, niedersächsische Stiftungen und der Landkreis Emsland investierten nach eigenen Angaben insgesamt 5,8 Millionen Euro in die Gedenkstätte. Weil vom ehemaligen Lager nur noch wenige Spuren vorhanden sind, ist das Gelände nach Entwürfen des Architekten Hans-Hermann Krafft neu gestaltet worden. Rostige Stahlelemente markieren Mauern, Wachtürme und Tore. Entlang der Umrisse der einstigen Gefangenenbaracken sind junge Bäume gepflanzt worden.

Zur Eröffnung am Montag wird neben Ministerpräsident McAllister auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) erwartet. An der Feier werden auch der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover, der katholische Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück und der jüdische Landesrabbiner Jonah Sievers aus Braunschweig teilnehmen.

Internet: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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30.10.2011

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"Die Hölle im Moor" - Auf dem Gelände des ehemaligen KZ Esterwegen ist ein Denkmal für die Opfer entstanden

Esterwegen/Kr. Emsland (epd; von Jörg Nielsen). Über Kilometer zieht sich die Bundesstraße 401 schnurgerade entlang der Torfabbaugebiete und Moore durch das platte Emsland. In dieser menschenleeren Region errichteten die Nazis ab 1933 die Konzentrationslager Esterwegen und Börgermoor, die als Musterlager auf dem Reißbrett entworfen wurden. An diesem Montag wird in Esterwegen eine zentrale Gedenkstätte für die später insgesamt 15 Emslandlager vom niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU), dem hannoverschen Landesbischof Ralf Meister und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) eröffnet.

Rund 80.000 KZ-Häftlinge und Strafgefangene und bis zu 180.000 Kriegsgefangene waren dort inhaftiert, sagt die Historikerin und Geschäftsführerin der Stiftung Gedenkstätte Esterwegen, Andrea Kaltofen. Darunter auch zahlreiche politische Gefangene wie der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky und Widerstandkämpfer aus den besetzten Gebieten. Bis zu 30.000 Menschen, überwiegend sowjetische Kriegsgefangene, starben in den Lagern durch die harte Arbeit und brutale Gewalt. Die Gefangenen sprachen von der "Hölle im Moor".

Die neue Gedenkstätte in Esterwegen wurde direkt auf dem Gelände des einstigen Lagers erreichtet. Vom einstigen KZ ist bis auf ein paar Spuren unter der Rasennabe nichts mehr erhalten. Heute stehen große rostüberzogene Stahlplatten an markanten Punkten und zeichnen so die Lagermauer, Wachtürme und Tore nach. Wo einst die Baracken für jeweils mehr als 100 Männer standen, wachsen in deren Umrissen junge Bäume. Einzelne Schautafeln zeigen Originalfotos und Zitate ehemaliger Gefangener.

"Wir wollten keine originalgetreue Rekonstruktion, sondern eine künstlerische Übersetzung, die zum Nachdenken anregt", sagt Kaltofen und lässt ihren Blick die 480 Meter lange Lagerstraße entlang schweifen. Am westlichen Ende versperrt eine hohe rostige Stahlwand den Blick ins Moor. Auf ihr sind die Namen aller Moorlager verzeichnet.

Der Übergang vom Strafgefangenenlager zum Konzentrationslager ist durch ein riesiges, sich verengendes Tor gekennzeichnet. "Wer hier durch musste, verlor seine Würde, seine menschliche Identität", sagt Kaltofen. Ein altes, fast vergammeltes Kabel ragt dort noch aus der Erde: "Damit wurde der Wachzaun unter Starkstrom gesetzt", sagt Kaltofen. Immer wieder seien Gefangene in den Zaun gelaufen, um ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Hier draußen reichen Details, um das Grauen zu verdeutlichen.

Das wohl prominenteste Opfer in Esterwegen war der Journalist, Schriftsteller und Pazifist Carl von Ossietzky (1889-1938). Als Gefangener 562 litt er dort von 1934 bis 1936. Ein Vertreter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes konnte ihn 1935 besuchen. Später berichtet er: "Nach zehn Minuten kamen zwei SS-Leute, die einen kleinen Mann mehr schleppten und trugen, als ihn heranführten. Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen."

Ossietzky durfte den ihm 1936 nachträglich für 1935 zugesprochenen Friedensnobelpreis nie entgegen nehmen. Hitler hatte allen Deutschen verboten, Nobelpreise anzunehmen. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten starb Ossietzky 1938 in einem Berliner Krankenhaus.

Auf und neben dem Lager betrieb die Bundeswehr von 1963 bis 2004 ein Nachschubdepot. In den Hallen gibt es nun ein Informationszentrum für alle Moorlager. Die Ausstellung zeigt unter anderem Filme, Erinnerungsfragmente, wie Briefe und Schnitzereien der Gefangenen.

Internet: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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30.10.2011