Hannoversche Landeskirche veröffentlicht Studie über Zwangsarbeiter

Nachricht 25. Oktober 2011

Hannover (epd, von Karen Miether) Sie schufteten in Krankenhausküchen und auf den Feldern. Als im Zweiten Weltkrieg Arbeitskräfte fehlten, wurden Ausländer zwangsweise herangezogen. Die hannoversche Landeskirche hat das Schicksal der Zwangsarbeiter in ihren Einrichtungen erforscht.

Mehr als 65 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg haben die hannoversche Landeskirche und ihre Diakonie die Zwangsarbeit in ihren Einrichtungen während der NS-Zeit erforscht. "Aus der Beteiligung von Kirche und Diakonie am System der Zwangsarbeit sind Schuld und Verantwortung erwachsen", sagte der Präsident des evangelischen Landeskirchenamtes, Burkhard Guntau, am Dienstag in Hannover bei der Vorstellung eines Buches zum Thema.

Die Autoren der Studie "Die Fremden Nächsten" haben 135 Frauen und Männer namentlich ermittelt, die während des Nationalsozialismus zwangsweise für die hannoversche Kirche und Diakonie gearbeitet haben. Die eigentliche Zahl liegt nach ihren Recherchen jedoch höher. Die meisten von ihnen waren in der Landwirtschaft sowie als Haus- und Küchenhilfen tätig, sagte die Historikerin Uta Schäfer-Richter. Von den Menschen aus zwölf Nationen stammte die größte Gruppe aus der Sowjetunion, gefolgt von Niederländern.

Ihnen ging es der Studie zufolge vergleichweise besser als etwa Zwangsarbeitern in der Industrie und Rüstungsproduktion. Das lag aber weniger an der generellen Einstellung ihrer kirchlicher Arbeitgeber als an den grundsätzlich menschlicheren Arbeitsbedingungen in der Land- und Hauswirtschaft. Unter anderem waren in den Kästorfer Anstalten in Gifhorn, im Linerstift in Celle und in den hannoverschen Einrichtungen Annastift, Henriettenstift und Stephanstift Zwangsarbeiter eingesetzt.

Der hannoversche Diakoniedirektor Christoph Künkel erläuterte, dass Einrichtungen wie die "Herbergen zur Heimat" zudem davon profitierten, dass sie Quartiere für die Zwangsarbeiter anbieten konnten. Die für Wanderarbeiter und nicht sesshafte Menschen gedachten Häuser hatten im NS-System ihr Klientel verloren. Sie waren in der Existenz bedroht und suchten neue Aufgaben. "Die ökonomischen Interessen haben dann vor den humanitären gewonnen", sagte Künkel.

Noch heute zeugten Gräber auf vielen Friedhöfen davon, dass Zwangsarbeiter allgegenwärtig gewesen seien. "Das Verschweigen dieses allbekannten Phänomens ist bis heute gegenwärtig", betonte der Diakoniechef.

Gemessen an zwölf Millionen Ausländern, die während der NS-Zeit in Deutschland schuften mussten, sei der Anteil in kirchlichen Einrichtungen gering gewesen, sagte Guntau. Allerdings habe man diese Menschen kritiklos zum Dienst verpflichtet und das System nicht infrage gestellt: "Die Kirchen nahmen ihre Verantwortung als gesellschaftliches Gewissen nicht wahr."

Die vom landeskirchlichen Archiv angeregte Studie solle zur Aufarbeitung beitragen, erläuterte der Kirchenamtspräsident. Die hannoversche Landeskirche habe sich zudem mit einer Million Euro an den zehn Millionen Euro beteiligt, die die Evangelische Kirche in Deutschland in den vor elf Jahren gegründeten Entschädigungsfonds der Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" eingezahlt hat. Unter anderem in Lüneburg hat eine Initiative ehemalige Zwangsarbeiter eingeladen.

Buchhinweis: Die fremden Nächsten - Zwangsarbeit in der hannoverschen Landeskirche und ihrer Diakonie, Martin Engelhardt und Uta Schäfer-Richter, Landeskirchliches Archiv Hannover 2011, 171 Seiten.

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25.10.2010