LWB-Generalsekretär Junge zum Reformationstag: Freiheit ist ein zentrales Anliegen lutherischer Theologie

Nachricht 25. Oktober 2011

"Befreit durch Gottes Gnade, eine Gemeinschaft in Christus, die gemeinsam lebt und arbeitet für eine gerechte, friedliche und versöhnte Welt." (LWB-Strategie 2012-2017, Vision) 

Mit diesem einen Satz drücken die 145 Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) aus, wie sie ihr Zeugnis vom Evangelium Jesu Christi als weltweite Gemeinschaft in der heutigen Welt verstehen, und worauf sie sich in den nächsten fünf Jahren zubewegen wollen.

Gleich mehrere theologische Grundmotive klingen bei dieser perspektivischen Wegbeschreibung der LWB-Gemeinschaft an. So baut sie eindeutig auf der reformatorischen Kernaussage auf, dass der Mensch nicht aufgrund seines eigenen Seins und Tuns, sondern allein aufgrund von Gottes Sein und Tun gerechtfertigt wird, und damit durch Glauben allein Freiheit erlangt.

Aber auch der Begriff der Freiheit an sich gehört zu einem zentralen Anliegen lutherischer Theologie und Praxis. Mit bislang nicht gekanntem Nachdruck hatte Martin Luther in seinem damaligen Kontext die Freiheit eines Christenmenschen unterstrichen und dabei insbesondere die Unveräusserlichkeit dieser Freiheit als eine von Gott gegebene Gabe betont. Die Kraft dieser Botschaft wird bis heute von Christinnen und Christen weltweit erfahren, insbesondere dort, wo sie in Kontexten von z.B. politischer, wirtschaftlicher oder ethnischer Unterdrückung gehört wird. Auch für unzählige Frauen eröffnet diese Botschaft heute neue Freiräume. Mit einem veränderten Bewusstsein ihrer eigenen Freiheit und Wertigkeit stemmen sie sich in Kirche und Gesellschaft gegen geschlechterbasierte Unterdrückung und Gewalt. Denn der Zuspruch der Freiheit aus Gnade allein drängt immer auch auf Ausdrucksformen im Alltag. Die verwandelnde Kraft von Gottes Handeln lässt sich eben nicht auf das Innenleben des Menschen begrenzen!

Im reformatorischen Verständnis ist christliche Freiheit durch klare Bezugspunkte bestimmt, und ist somit auch zu verantworten. Die eingangs genannte Vision der LWB-Strategie 2012-2017 macht dies auf eigene Art deutlich: die Gemeinschaft der LWB-Mitgliedskirchen weiss sich befreit, einerseits um gemeinsam zu leben – eine starke Berufung in Zeiten, in denen der Trend oft in die entgegengesetzte Richtung, zu Fragmentierung und Individualisierung weist. Andererseits weiss sich die Gemeinschaft des LWB auch befreit, um für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung in der Welt zu arbeiten. Ihre durch Gnade erwirkte Freiheit ist eine Freiheit zum Dienst, oder in kirchlicher Sprache: eine Freiheit zur Diakonie. Die christliche Freiheit unterliegt somit einer doppelten Verantwortung: gegenüber Gott und der/dem Nächsten. Oder, wie heute zunehmend deutlich wird: gegenüber Gott und der gesamten Schöpfung.

Klimawandel, ökologische Krise und neuerdings die Finanzkrise, die durch prophetische Rufer, darunter auch Kirchen, schon längst angekündigt wurde, machen deutlich wie relevant sich Christinnen und Christen und Kirchen im gesellschaftlichen und politischen Diskurs beteiligen können. Denn wo der Mitmensch und die gesamte Schöpfung aus dem Blickwinkel menschlichen Denkens und Handelns verschwinden, wird es schnell kalt, brutal, und oft genug fatal. Eine falsch verstandene Freiheit wird dem Menschen und der Schöpfung zum Verhängnis.

Der Reformationstag im Jahr 2011 bietet eine gute Gelegenheit, um sich mit Nachdruck und Entschlossenheit für Freiheit einzusetzen. Dazu möchte ich in diesem Jahr besonders einladen. Kirchen der Reformation brauchen dem Begriff der Freiheit nicht mit Misstrauen zu begegnen. Im Gegenteil: Indem sie sich diakonisch an die Seite jener stellen, die unter Ungerechtigkeit, Unfrieden und Unversöhntheit leiden, geben sie zugleich ein starkes Zeugnis dafür ab, wie Freiheit verstanden werden kann. Bezogen auf die Nächste/den Nächsten und auf die gesamte Schöpfung, ist Freiheit nämlich kein Verhängnis, sondern Verheißung.

Pfarrer Martin Junge, Generalsekretär

25.10.2011