"Unsere Chancen liegen vor der Kirchentür" - Immer mehr Pastoren probieren neue Wege der Verkündigung aus

Nachricht 11. Oktober 2011

Sie predigen in Bussen und verteilen Liebesbriefe von Gott. Immer mehr Pastoren probieren, auf neue Weise Menschen zu erreichen. In Osnabrück laden Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter demnächst zum religiösen Gespräch in die Kneipe ein. Von Martina Schwager (epd).

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Osnabrück/Hannover (epd). Wie sie da in ihren Talaren am Kneipentisch hocken, ein Glas Bier vor sich, fallen sie natürlich sofort auf. Ihre Gottesdienst-Kleidung haben sie sich zwar nur für ein Foto übergeworfen. Im November wollen die Pastoren Ute Schneider-Smietana und Martin Wolter ihren Arbeitsplatz aber tatsächlich zeitweise in die Osnabrücker Studentenkneipe "Balou" verlegen.

"Seekers Chatroom" nennen sie die religiöse Gesprächsrunde am ungewohnten Ort. Ihr Ziel: Vor allem mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, die sie in Gottesdiensten und Gruppen nicht antreffen. "Die Besucher können uns löchern - frei nach dem Motto: was ich einen Pfarrer immer schon mal fragen wollte", sagt der evangelische City-Pastor Wolter.

In Unna predigen Pfarrer zum Buß- und Bettag in Bussen. In Hannover stürmten Gospelchöre bei einem Flashmob ein Einkaufszentrum. In Osnabrück ist es die religiöse Fragerunde in der Kneipe: Immer mehr Pastoren und Gemeinden verlassen die eingefahrenen Wege, um den christlichen Glauben zu verkündigen. Die Internetplattformen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) "Kirche im Aufbruch" und "geistreich" spiegeln die vielfältigen Ideen wider.

Um Menschen heute für den Glauben zu begeistern, müsse die Kirche stärker in die Offensive gehen, meint Oberkirchenrat Thorsten Latzel. Er ist bei der EKD zuständig für neue Formen der Verkündigung. Pfarrer und Kirchenvorstände reagierten mit ungewöhnlichen Projekten zum einen auf rückläufigen Besucher- und Mitgliederzahlen. "Sie haben aber auch erkannt: Kirche muss sich nach dem Zeitgeist richten, Menschen dort abholen, wo sie stehen."

Regelmäßige Bibelgesprächskreise sprächen viele nicht mehr an, Predigten nach Art von Univorträgen ebenso wenig, meint Latzel. Dass sie sich für eine Trauung den Pastor nicht aussuchen können, sondern nach Wohnbezirken zugeordnet werden, sei vielen Kirchenfernen fremd. "Gottesdienste in der Sparkasse oder im Gerichtssaal, ein Kreuzverhör nach der Predigt oder große Tauffeste in der freien Natur haben dagegen Konjunktur."

Für den Experten geht es auch um Inhalte und Leitbilder. Jede Firma habe eine Mission, ihre Botschaft. Ausgerechnet die Kirche jedoch tue sich damit schwer, diese nach außen zu vertreten: "Wir haben eine eigenartige Scheu, über unseren Glauben zu sprechen. Wir haben immer Angst, dem anderen zu nahe zu treten. Die Menschen erwarten aber, dass wir das, was uns so begeistert, auch benennen können."

Die enge Gemeindestruktur werde der Lebensweise und den Bedürfnissen vieler Menschen heute nicht mehr gerecht, sagt Hochschulpastorin Schneider-Smietana: Sie hätten durchaus Interesse an religiösen Themen und Fragen an die Kirche. "Aber den Sonntagvormittag wollen viele Berufstätige im Zeichen zunehmender Arbeitsbelastung eher mit der Familie oder Freunden als im Gottesdienst verbringen."

In Osnabrück ist City-Pastor Wolter für seine ungewöhnlichen Ideen bekannt. Zum Valentinstag hat er in der Fußgängerzone Liebesbriefe von Gott verteilt, im "Anderen Gottesdienst" diskutiert er mit Physikern, lässt sich von Schauspielern oder Marathonläufern inspirieren. Schneider-Smietana träumt von einer Bibellesung zur Mittagszeit in einem Café: "Unsere Chancen liegen draußen vor der Kirchentür", sagt sie voller Überzeugung.

Internet: www.kirche-im-aufbruch.de, www.geistreich.de

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11.10.2011