Radio im Internet: Autobahnkirche Grasdorf

Nachricht 10. Oktober 2011

Seit Sonntag gibt es die zweite Autobahnkirche in Niedersachsen. In Grasdorf an der A7 ist ein neuer Rastplatz für die Seele eröffnet worden. Einen Audioabeitrag dazu gibt es unten im Download-Bereich. 

Radio im Internet - produziert vom Evangelischen Kirchenfunk (ekn - www.ekn.de)

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Zum Thema: Motor abstellen, Kraft tanken: In Grasdorf werden die Nikolaikirche und die St. Marienkirche zur ökumenischen Autobahnkirche

Grasdorf. „Normalerweise werden bei Einweihungen Bänder zerschnitten, wir machen heute genau das Gegenteil“, sagt Pastor Peter Wiegandt. Tatsächlich: Ein lilafarbenes Band zieht sich an den beschaulichen Grasdorfer Gartenzäunen entlang und trägt die Aufschrift: „Kirche lebt durch Bewegung“. Auf der Hälfte des Weges von der evangelischen Nikolaikirche zur katholischen St. Marienkirche werden die zwei losen Enden nun unter großem Beifall zusammengeknüpft – ein wahrlich symbolischer Akt. „Mach lieber einen Doppelknoten!“, ruft jemand aus der Menge. Norbert Priebe, Kirchenvorstandsvorsitzender der Nikolaigemeinde, ist aber ganz zuversichtlich. Lachend hebt er zusammen mit St. Marien-Kirchenvorstandsmitglied Elisabeth Feldhaus das Band in die Höhe und sagt: „Das wird ein paar Jahrzehnte halten.“

Man rückt zusammen für ein ganz besonderes Projekt – eine neue Autobahnkirche in Grasdorf, die deutschlandweit ein echtes Unikum darstellt. Ökumenische Gotteshäuser, die Reisenden die Möglichkeit zum Durchatmen geben, gibt es bereits – doch dass hierfür gleich zwei Kirchen, eine evangelische und eine katholische, zur Verfügung stehen, ist neu. Mit dem Aufstellen der Schilder an den Autobahnen werden beide Grasdorfer Kirchen offiziell der 39. Standort einer Autobahnkirche in Deutschland sein.

Nur 150 Meter voneinander entfernt und auf gegenüberliegenden Straßenseiten gelegen, öffnen die Nikolaikirche und St. Marien nun jeden Tag von acht bis 18 Uhr ihre Pforten und werden, wie es an diesem Einweihungstag immer wieder heißt, zu Rastplätzen der Seele. Schließlich liegt Grasdorf direkt an der Abfahrt der A7 Derneburg/Salzgitter und der Abfahrt der A39 Baddeckenstedt. 100.000 Fahrzeuge kommen hier täglich vorbei, und ihre Fahrer/innen haben nun die Möglichkeit, Stau und Stress und Hektik für Momente der Besinnung hinter sich zu lassen.

Dass damit ein starkes Bedürfnis unserer Zeit aufgegriffen wird, spielte auch beim ökumenischen Einweihungsgottesdienst in beiden Kirchen eine große Rolle. Neben Pastor Peter Wiegandt und seinem katholischen Kollegen Pfarrer Stefan Lampe ging auch Domkapitular Adolf Pohner auf diesen Punkt ein. Kirche müsse heute auch denjenigen eine einladende, gastfreundliche Atmosphäre bieten, die nicht regelmäßig an Gottesdiensten teilnehmen wollen. „Auch für den Vorüberziehenden sollte sie ein Ort der Ruhe und der Rast sein.“

Christian Castel, Superintendent des Kirchenkreises Hildesheimer Land-Alfeld, griff in diesem Zusammenhang die aktuelle Burn-Out-Debatte auf, die eben nicht nur auf den Bereich des Profi-Fußball beschränkt sei. „Es ist ein Massenphänomen, denn überall geht es um Gewinnmaximierung und Effizienzsteigerung. Hinzu kommt der technischen Fortschritt, durch den wir ständig überall erreichbar sind und der uns immer das Gefühl gibt, auf jede Anfrage, jede Nachricht sofort antworten zu müssen. Deshalb müssen wir auch mal abfahren, anhalten, den Motor abstellen und neue Kraft auftanken für Leib und Seele.“ Die Tatsache, dass die ökumenische Autobahnkirche mit so viel Engagement von beiden Gemeinden vorangetrieben worden sei, wertete der Superintendent dabei als besonderen Erfolg. „Ich freue mich einfach, dass das Projekt von beiden Konfessionen auf einen gemeinsamen Weg gebracht worden ist.“

Auch für Pfarrer Stefan Lampe ist klar: „Beide Gemeinden sind ganz nah zusammengerückt, und man kann absolut spüren, dass auch die Dorfgemeinschaft gestärkt aus diesem Prozess hervorgeht.“ So werden an diesem Nachmittag nicht nur die zwei neuen Autobahnkirchen-Schilder vor St. Marien und der der Nikolaikirche feierlich enthüllt und gesegnet, sondern auch jede Menge Fotos geschossen und Hände geschüttelt. Die Straße zwischen beiden Gotteshäusern ist abgesperrt, Bänke werden aufgestellt, und man sitzt noch bei Kaffee und Kuchen beisammen. „Man merkt, wie groß das Interesse ist, wie viel es den Menschen bedeutet“, sagt Pfarrer Lampe und lächelt. „So viele Leute habe ich hier noch nie auf der Straße beieinander gesehen.“

www.kultundkom.de; Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für den Sprengel Hildesheimer Land - Alfeld

12.10.11