Hungersnot in Ostafrika - Antworten auf häufig gestellte Fragen

Nachricht 13. September 2011

In Ostafrika erfordert die Lage nach Aussagen der dortigen Helfer intensive Hilfe, um Leben zu retten. In der Landeskirche gebe es bereits vielfältige Aktionen, um auf die Situation am Horn von Afrika aufmerksam zu machen und Kollekten sowie Spenden zu sammeln, so Uwe Becker und Michael Türk vom Diakonischen Werk der Landeskirche. Sie antworten auf häufige Fragen zur Hungersnot in Ostafrika:

 

Wie ist die Lage der Menschen in Ostafrika?


Die Lage in den Dürregebieten in Ostafrika spitzt sich immer weiter zu. Nach Angaben der
Vereinten Nationen leiden in Ostafrika mittlerweile mehr als 12,4 Millionen Menschen unter
der verheerenden Dürre. Am dramatischsten ist die Situation in Äthiopien, Kenia und
Somalia. Die Menschen haben kaum noch zu essen und zu trinken. Sie sind auf
Nahrungsmittelhilfe angewiesen, um zu überleben. In Somalia haben die Vereinten Nationen
die Lage in den beiden südlichen Landesteilen Lower Shabelle und Bakool als Hungersnot
eingestuft. Im ganzen Land leiden nach Schätzungen der Vereinten Nationen mittlerweile
mehr als 3,7 Millionen Menschen unter den Folgen der schweren Dürre. Zehntausende
Menschen flohen in den vergangenen Wochen auf der Suche nach Wasser und Nahrung in
die Nachbarländer Kenia und Äthiopien geflohen. In Äthiopien (80 Millionen Einwohner) sind
4,8 Millionen Menschen von der Dürre betroffen. In Kenia (39 Millionen Einwohner) sind 3,7
Millionen Menschen akut von Hunger bedroht.


Warum sind Menschen aus Somalia auf der Flucht?


Der seit 20 Jahren andauernde Bürgerkrieg in Somalia zerstörte die Landwirtschaft. Die
Dürre trifft die Menschen deshalb besonders hart. Angesichts der Hungersnot und der
Folgen des Bürgerkriegs haben die Menschen in Somalia keinerlei Reserven mehr. Partner
der Diakonie Katastrophenhilfe berichten, dass sie täglich sehen, wie völlig verzweifelte
Menschen auf der Suche nach Wasser und Nahrung in Somalias Hauptstadt Mogadischu
ankommen. Viele Kinder und ältere Menschen sterben bei dem Versuch, ein Lager zu
erreichen. Die Menschen flüchten auch in die Nachbarländer. In Dadaab an der Grenze zu Kenia sind
mittlerweile fast 400.000 Hungerflüchtlinge aus Somalia angekommen. Auch in Dolo Odo in
Äthiopien ist die Zahl der Menschen, die vor dem Hunger aus Somalia fliehen, inzwischen
auf über 120.000 gestiegen. Fast die Hälfte der neu ankommenden Kinder ist mangelernährt.


Wie reagiert die Diakonie Katastrophenhilfe auf die Situation in Ostafrika?


Die Diakonie Katastrophenhilfe hat bislang mehr als 3 Millionen Euro für die Hilfe in den
Dürregebieten in Ostafrika bereitgestellt. Damit unterstützt das evangelische Hilfswerk mehr
als 200.000 Menschen mit Essen, Trinkwasser und anderen lebenswichtigen Hilfsgütern.
In Somalia ist die Diakonie Katastrophenhilfe eine der wenigen deutschen
Hilfsorganisationen, die trotz andauernder Kämpfe und Gefahr überhaupt noch tätig ist. Das
Hilfswerk arbeitet dort mit vertrauenswürdigen Partnerorganisationen zusammen, die Wasser
und Lebensmittel, aber auch Plastikplanen und Baumaterial für Notunterkünfte verteilen.
Auch in den Nachbarländern Kenia und Äthiopien unterstützt die Diakonie Katastrophenhilfe
Einheimische und Flüchtlinge. In Kenia liegt ein Schwerpunkt im ebenfalls schwer betroffene
Bezirk Marsabit in der östlichen Provinz von Kenia, wo Hilfskräfte der anglikanischen Kirche
Trinkwasser und andere Hilfsgüter verteilen. Besonders spitzt sich die Lage zudem in dem
für 90.000 Menschen ausgelegten Lager Dabaab zu, in dem sich mittlerweile fast 400.000
Menschen drängen. Helfer berichten: "Dramatisch ist die Lage der stark unterernährten
Kleinkinder." Dort bereitet die Diakonie Katastrophenhilfe mit Partnern des globalen
kirchlichen Hilfswerks der ACT Alliance Hilfsmaßnahmen vor.


Wie stellt die Diakonie Katastrophenhilfe sicher, dass die Hilfe ankommt?


Die Diakonie Katastrophenhilfe arbeitet mit erfahrenen und zuverlässigen Partnern am Ort
zusammen. Die einheimischen Mitarbeitenden kennen die Lage in der Region und sind von
den lokalen Verwaltungen anerkannt.


Wie erhalten die Betroffenen dringend benötigtes Wasser?


Die Versorgung mit Trinkwasser ist eine logistische Herausforderung. Somalia hat – auch
wegen des Bürgerkriegs – keine Reserven. Daher muss Wasser regelmäßig mit
Tanklastwagen in die Dörfer gebracht werden. Rund 2.500 Familien, die vor allem von der
Viehzucht leben, werden auf dem Land von der somalischen Partnerorganisation der
Diakonie Katastrophenhilfe mit Wasser versorgt.


Wie wird die Wasserversorgung langfristig gesichert?


Damit die Menschen in Somalia künftig sauberes Wasser erhalten, hat die Diakonie
Katastrophenhilfe gemeinsam mit dem katholischen Hilfswerk Caritas International in der
Region um Mogadischu ein Brunnenprojekt auf den Weg gebracht. Dafür stellen die beiden
Hilfswerke 280.000 Euro zur Verfügung. Ingenieure müssen dabei 200 Meter in die Tiefe
bohren, um auf ausreichend Wasser zu stoßen. Diese neuen Tiefbrunnen in zwei
Außenbezirken der Hauptstadt sollen bis zu 10.000 Menschen mit Wasser versorgen. In
einem weiteren Projekt installieren die Hilfskräfte zwei Hochtanks aus Stahl und bauen
Leitungen, über die das Wasser in die Camps gelangt. 3500 Familien können so mit
Trinkwasser versorgt werden. Pro Tag stehen jeder Person 17 Liter Wasser zur Verfügung. Dieses Wasser ist als Trinkwasser gedacht, muss aber auch ausreichen, um zu kochen, zu spülen, sich zu
waschen, Wäsche zu reinigen und – falls noch vorhanden – das Vieh zu tränken. Die von der
Diakonie Katastrophenhilfe verteilte Menge liegt über den „Sphere Standards für humanitäre
Hilfe“, die eine Mindestmenge von 15 Litern Wasser pro Tag und pro Person vorsehen: Zirka
drei Liter für das reine Überleben , etwa sechs Liter für die Basishygiene und nochmals rund
sechs Liter für die Zubereitung von Mahlzeiten.

Was bedeuten Hunger und Mangelernährung?


Die Vereinten Nationen stufen eine Ernährungskrise offiziell als Hungersnot ein, wenn mehr
als 30 Prozent der Kinder unterernährt sind, im statistischen Mittel täglich zwei von 10.000
Menschen durch die Folgen der Nahrungsmittelknappheit ums Leben kommen und
mindestens 20 Prozent aller Familien nicht mehr genug zu essen haben. Für die beiden
Regionen Lower Shabelle und Bakool wurde Ende Juli der Hungernotstand ausgerufen. Dort
sterben jeden Tag bereits sechs von 10.000 Menschen an Hunger.
Unterschieden wird zwischen akuter Mangelernährung, verursacht durch vorrübergehend
unzureichende Nahrungsaufnahme (beispielsweise bei Flucht und Vertreibung), und
chronischer Mangelernährung, bei der dieser Mangel über einen längeren Zeitraum besteht.
Schwere Mangelernährung bei Kindern liegt vor, wenn ein Kind weniger als 70 Prozent des
mittleren Gewichts der jeweiligen Altersgruppe aufweist. Kleinkinder sind am meisten
gefährdet. Besonders in Verbindung mit Infektionskrankheiten wie Durchfall kann
Mangelernährung lebensbedrohlich sein.


Warum haben die Menschen keine Vorräte angelegt?


Angesichts der Hungersnot und des seit 20 Jahren andauernden Bürgerkriegs haben die
Menschen in Somalia keinerlei Reserven mehr. Die Diakonie Katastrophenhilfe gehört zu
den wenigen deutschen Hilfsorganisationen, die noch in dem ostafrikanischen Land tätig
sind. Die 30 Mitarbeiter der Partnerorganisation DBG berichten vom riesigen Ausmaß der
Hungersnot. Sie selbst haben einen Teil ihres Gehalts für die Nothilfe gespendet.
Da der Regen in den betroffenen Ländern bereits mehrmals hintereinander ausgefallen ist,
konnten die Menschen keine Vorräte anlegen. Viele haben ihre letzten Reserven und sogar
das Saatgut aufgebraucht und ihre Tiere geschlachtet, um zu überleben.
Warum hat niemand diese Katastrophe kommen sehen?
Die Dürre ist schlimmer als erwartet – bis vor kurzem sind selbst die Vereinten Nationen von
6 Millionen Menschen ausgegangen, die mit Hilfsgütern versorgt werden müssen.
Mittlerweile zeichnet sich ab, dass mindestens 12 Millionen Menschen betroffen sind.
Die betroffenen Länder sind auf den Niederschlag in der Regenzeit von Oktober bis
Dezember angewiesen. Doch im vergangenen Jahr ist der Winterregen fast komplett
ausgefallen. Und auch in der Hauptregenzeit von März bis Mai dieses Jahres regnete es zu
spät und zu wenig. Für einige Regionen war es bereits das vierte Mal in Folge, dass kein
Regen fiel. Auf den Feldern wächst daher nicht genug und Nutztiere verenden.
In Äthiopien und Kenia hat die Diakonie Katastrophenhilfe schon im April und Mai mit den
ersten Hilfsmaßnahmen für die Dürreopfer begonnen. In Somalia sind die Partner der
Diakonie Katastrophenhilfe aufgrund von Krieg und Not ohnehin ununterbrochen im Einsatz.
Angesichts des Ausmaßes dieser Hungerkatastrophe ist aber zusätzliche Hilfe dringend
notwendig.


Warum herrscht in Somalia Krieg?


Die Staaten am Horn von Afrika wurden während des Kalten Krieges jahrzehntelang von den
USA und der damalige Sowjetunion regelrecht hochgerüstet und diktatorische Regime
unterstützt. Anfang der 90er-Jahre zerfiel Somalia in Herrschaftsbereiche sich gegenseitig
bekämpfender „Warlords“. Der Westen intervenierte immer wieder einseitig und verschärfte
so die Konflikte. Heute bekämpfen sich vor allem die islamistischen bewaffneten Gruppen
von Al-Shabaab und die Zentralregierung.


Verlängert Hilfe den Konflikt?


Nein. Seriöse humanitäre Hilfsorganisationen folgen den Prinzipien des Internationalen
Verhaltenskodex für humanitäre Hilfe, der Unparteilichkeit in bewaffneten Konflikten
vorschreibt. Die Diakonie Katastrophenhilfe und ihr lokaler Partner leisten keine Zahlungen
an Kriegsparteien. Sie bringen humanitäre Hilfe auch in Gebiete, die von Al-Shabaab-Milizen
beherrscht werden, ohne dafür Wegezölle, Steuern oder andere Zahlungen irgendwelcher
Art zu entrichten. Durch ihre jahrzehntelange umfangreiche Nothilfe in Somalia ist die lokale
Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe bekannt und respektiert und erreicht trotz
großer Schwierigkeiten und Gefährdungen für die Helfer Zugang zu den Hilfsbedürftigen,
ohne Zugeständnisse an Kriegsparteien machen zu müssen.


Wie sieht die Zukunft Somalias aus?


Die Internationale Gemeinschaft muss einen inklusiven Friedensprozess unterstützen, der
alle Gewaltakteure einbindet, aber auch vor allem die Zivilgesellschaft und die Führer der
traditionellen Clangemeinschaften wieder stärkt. Der erfolgreiche Friedensprozess in
Somaliland sollte als Vorbild dienen. Die gegenwärtige Hilfe für Hungernde auf allen Seiten
des Konflikts kann dazu beitragen.


Was passiert nach der Nothilfe?


Damit das Leben der Menschen auch nach der Dürre weitergeht, hilft die Diakonie
Katastrophenhilfe den betroffenen Menschen, ihre Lebensgrundlagen zu erhalten und
Vorsorge zu treffen. In Somalia legt die somalische Partnerorganisation beispielsweise Brunnen und Tanks an, um die Trinkwasserversorgung nachhaltig zu sichern. In Äthiopien werden Wasserspeicher
gebaut, die helfen künftige Trockenzeiten besser zu überstehen.
In Kenia und Äthiopien helfen die lokalen Einsatzkräfte den Menschen in den Dürregebieten
durch Verteilung von Tierfutter und Wasser ihren Viehbestand zu retten, damit sie auch nach
der Dürre noch eine Lebensgrundlage haben.

 

Spenden:
Spendenkonto Diakonie Katastrophenhilfe
Konto: 4488 BLZ: 25120510 Bank: BfS Hannover
Stichwort: DKH-Ostafrika
Online-Spende: www.diakonie-katastrophenhilfe.de/hannovers

 

Kontakt:
Diakonisches Werk der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Ebhardtstr. 3 A 30159 Hannover
Ansprechpartner:
Uwe Becker, Tel. 0511-3604-166, E-Mail: uwe.becker@diakonie-hannovers.de
Michael Türk, Tel. 0511-1241-904, E-Mail: michael.tuerk@evlka.de

 

13.9.2011