Wieder aufgetauchter Gipsabdruck des Leibniz-Schädels lockt Besucher nach Hannover

Nachricht 08. September 2011

Von Michael Grau (epd)



Hannover (epd). Ein spektakuläres Ausstellungsstück lockt zurzeit Besucher in die Neustädter Kirche in Hannover: Anlässlich der Leibniz-Festtage im September ist dort ein Gipsabguss vom Schädel des berühmten Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zu sehen. Pastorin Martina Trauschke ist stolz, das ungewöhnliche Exponat präsentieren zu können. Sie ist sich sicher: "Es ist ein Abdruck vom echten Schädel." Doch der Leibniz-Kopf sorgt zugleich für Rätselraten.



Der echte Schädel des Universalgelehrten ruht in einer Nische der evangelischen Kirche, in der er am 16. Dezember 1716 beigesetzt wurde. In einer Kupferschatulle innerhalb eines Steinsarkophags werden dort die Original-Gebeine aufbewahrt. Doch stammt der Abdruck wirklich vom Original? Die Beweiskette sei schlüssig, sagt Trauschke: "Die Argumente gegen die Echtheit sind sehr windig und haben mich nicht überzeugt."



Die Pastorin erhielt den Schädel als Leihgabe von einem Antiquar in Hannovers Altstadt. "Das war kompletter Zufall." Der Abdruck stammte nach Angaben des Antiquars aus dem Nachlass eines früheren Beamten aus der NS-Zeit. Dessen 90-jährige Witwe habe sie ihm vor 15 bis 20 Jahren angeboten - zusammen mit rund 3.000 Büchern über Rassenkunde.



Tatsächlich deutet ein Protokoll der "Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gauhauptstadt Hannover" darauf hin, dass das Leibniz-Grab zwischen Ende 1943 und Anfang 1944 geöffnet wurde. Möglicherweise befürchteten die Nazis, dass die Überreste des großen Philosophen und Mathematikers alliierten Bombenangriffen zum Opfer fallen könnten, vermutet Trauschke. Ob damals tatsächlich Gipskopien genommen wurden, lässt sich allerdings nicht mit letzter Gewissheit klären.



Die Gruft war bereits im Juli 1902 anlässlich des Kirchenumbaus zum ersten Mal geöffnet worden. Professor Wilhelm Krause vom "Königlichen Anatomischen Institut" in Berlin vermaß die Knochen akribisch und ordnete sie der überlieferten Physiognomie und Krankengeschichte des Universalgenies zu.



Zugleich ließ Krause den Schädel fotografieren und Gipsabdrücke nehmen. Mit einer "Geraden Länge" von 17,5 Zentimetern sei der Schädel eher klein, befand er. Die Gehirnmasse berechnete er auf exakt 1.257 Gramm: "Es gehört also das Gehirn von Leibniz zu den kleinen mit geringem Gewicht", notierte der Gelehrte.



Pastorin Trauschke hat den Gips-Schädel inzwischen von einem Anatomie-Professor der Medizinischen Hochschule Hannover begutachten lassen. Ergebnis: Die Kopie stimmt exakt mit den Messungen und Fotografien von Krause überein. Vor allem durch einen "monströsen Eckzahn" und eine markante Delle in den tiefen Augenhöhlen lasse sich der Philosoph eindeutig identifizieren, sagt Trauschke. Das bestätigten auch Fotos von der bislang letzten Öffnung der Gruft im Jahr 1992.



"Es hat eine große Faszination, wenn wir von einem Menschen, der für sein geistiges Erbe bekannt ist, materielle Überreste haben", sagt die Pastorin. "Deshalb freuen wir uns, dass wir dieses sinnlich fassbare und sichtbare Erinnerungsstück haben."



Geöffnet dienstags bis freitags von 12.30 bis 17 Uhr und sonnabends von 11 bis 16 Uhr



Internet: www.leibniz-festtage.de



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