Theologe: 68er Bewegung hat Kirche geprägt - Buch über Proteste und Reformen in der hannoverschen Landeskirche nach 1968 präsentiert

Nachricht 07. September 2011

Hannover (epd). Die 68er Studentenbewegung hat auch die hannoversche Landeskirche Theologen und Zeitzeugen zufolge nachhaltig geprägt. Die Kirche habe in dieser Zeit ein Demokratiebewusstsein entwickelt, sagte der evangelische Theologe Heinrich Grosse anlässlich einer Buchpräsentation am Mittwoch in Hannover. In dem Buch "Kirche in bewegten Zeiten" des Lutherischen Verlagshauses Hannover schreiben 27 Autoren über die Umbrüche in den späten 1960er Jahren.

Als ehemalige Zeitzeugen berichten die Autoren, wie Gruppen, Initiativen und kirchenleitende Personen auf den gesellschaftlichen Wandel reagierten. Herausgeber sind neben Grosse der Theologe Hans Otte sowie der emeritierte Soziologe Joachim Perels. Sie setzen mit dem Buch ihre Publikationen über die Rolle der hannoverschen Landeskirche in der NS-Zeit und der Nachkriegszeit fort.

Ein roter Faden in den Beiträgen sei die damals drängender gewordene Frage nach dem christlichen Glauben und der politischen Verantwortung, schreiben die drei Herausgeber im Vorwort. Hans Otte betonte, in den 60er Jahren seien beispielsweise durch die Frauenbewegung grundlegende Änderungen angestoßen worden. Seitdem dürften Frauen zu Pastorinnen ordiniert werden. Vor diesen Umbrüchen habe es in der evangelischen Kirche selten demokratische Entscheidungen gegeben, sagte der Archivar der Landeskirche: "Was der Bischof sagte, das wurde exekutiert."

Perels schränkte ein, dass die Kirche bereits in den 50er Jahren politisch gewesen sei. "Zu dieser Zeit wurden in den evangelischen Parlamenten hochintensive Debatten geführt, beispielsweise über die Frage ob die Bundeswehr mit atomaren Waffen ausgerüstet werden darf."

Das Buch beleuchtet prägende Theologen der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland wie den ehemaligen Landesbischof Hanns Lilje oder den langjährigen hannoverschen Stadtsuperintendenten Rufus Flügge. Auf der anderen Seite kommen auch Kirchenmitglieder zu Wort, die die hierarchischen Leitungsstrukturen demokratisieren wollten. Dazu gehörte die Gründung der Reformbewegung "Gruppe Offene Kirche" in der Landessynode im Jahr 1969.

Hinweis: Heinrich Grosse, Hans Otte, Joachim Perels (Herausgeber): "Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968", Lutherisches Verlagshaus Hannover, 544 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-7859-1036-8

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