"Eine Art zweite Chance" - Jugendliche demonstrieren gegen mögliche Schließung der Jugendwerkstätten

Nachricht 06. September 2011

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Hannover (epd). Saskia war 16, als sie Mutter wurde. Die Schule hat sie abbrechen müssen. Heute, fast vier Jahre später, hat die 20-Jährige doch noch Hoffnung auf eine berufliche Perspektive. In einer hannoverschen Jugendwerkstatt wird sie auf eine Ausbildung zur Bürokauffrau vorbereitet. "Die Werkstatt ist eine Art zweite Chance für mich", sagt Saskia am Dienstag bei einer Demonstration für den Erhalt der niedersächsischen Werkstätten in Hannover. Sie sind nach Plänen des Bundesarbeitsministeriums in ihrer Existenz bedroht.

Rund 5.400 Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Schwierigkeiten werden in den 103 Werkstätten des Landes für die Arbeitswelt fitgemacht. Manche müssten erst einmal an einen geregelten Tagesrhythmus gewöhnt werden, andere brauchten beispielsweise Hilfe bei der Wohnungssuche, sagt die Werkstatt-Leiterin Ingelore Holz.

Während Saskias Tochter in den Kindergarten geht, lernt sie am Computer, wie man Rechnungen schreibt. "Ich habe mein Kind viel zu früh bekommen", sagt die junge Mutter nachdenklich. Jetzt möchte sie den Schulabschluss nachholen.

Auch Alena lernt in der Werkstatt in der Abteilung Bürokommunikation. "Ich habe zwar einen Schulabschluss, doch die Noten im Zeugnis waren wohl zu schlecht", vermutet sie. Nach der Schule hat die 19-Jährige für eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Dann war sie vier Monate arbeitslos.

"Das war am Anfang schön", sagt sie und lächelt zaghaft. "Da konnte man lange ausschlafen." Unter der vom Arbeitsamt zugeteilten Maßnahme der Jugendwerkstatt konnte sie sich zunächst wenig vorstellen. Zunächst sei es ihr auch schwer gefallen, regelmäßig von acht bis 15 Uhr zu arbeiten und zu lernen.

Jetzt bewirbt sich Alena auf Ausbildungsplätze zur Bürokauffrau. Auch bei den Bewerbungen bekommt sie Unterstützung von den Betreuern. "Ich möchte arbeiten und Geld verdienen, damit ich mir wieder mal etwas leisten kann." Durch die Jugendwerkstatt habe sie viel bessere Chancen auf eine Stelle, sagt sie selbstbewusst.

Nach den neuen Plänen des Bundesarbeitsministeriums befürchten Wohlfahrtsverbände und Oppositionspolitiker im nächsten Jahr das Aus für die Werkstätten in Niedersachsen. Bundesarbeitsministerin von der Leyen (CDU) hatte im August angekündigt, die Werkstätten künftig auf andere Formen der Finanzierung umzustellen. Jugendliche sollen künftig möglichst direkt in die Arbeitswelt integriert werden. Die Werkstätten würden dann pro Betreuungsplatz nur noch 150 statt bisher 450 Euro erhalten.

"Wenn ich nicht die Jugendwerkstatt hätte, müsste ich wieder zum Jobcenter", sagt die 20-jährige Mona. Dabei zuckt sie fast gleichgültig mit den Schultern.
Mona hatte zunächst zwar einen Vollzeitjob in einem Textillager, doch von der Arbeit bekam sie Rückenprobleme. Sie hörte auf zu arbeiten. Auch sie ist bereits nach drei Wochen in der Jugendwerkstatt zuversichtlich, dass sie eine Ausbildung schaffen kann.

Sie alle sind mit etwa 400 weiteren Jugendlichen vor das Sozialministerium gezogen. "Wir sind die Zukunft" oder "Arbeit hier statt Hartz IV" ist auf ihren Hand gemalten Plakaten zu lesen.

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