"Die Kirche muss sich öffnen" - Drei Fragen an den Theologen und Sozialwissenschaftler Gerhard Wegner

Nachricht 01. September 2011

Hannover (epd-Gespräch: Michael Grau). Die sozialwissenschaftliche Forschung in der evangelischen Kirche wird 40 Jahre alt. Ihr Pionier war der Theologie-Professor Karl-Fritz Daiber, der 1971 in Hannover die bundesweit erste Arbeitsstelle für Pastoralsoziologie gründete. Sein Schüler und Nachfolger Professor Gerhard Wegner (58) ist heute Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover. Die Kirche ist auf Sozialforschung angewiesen, damit sie Trends früh erkennen kann, sagt der Theologe im epd-Gespräch:

epd: Herr Professor Wegner, wozu braucht die evangelische Kirche ein Institut für Sozialwissenschaft?

Wegner: Die Kirche braucht sozialwissenschaftliche Forschung, weil sie sich allein über die Theologie nicht selbst steuern kann. Sie muss mitbekommen, was in der Gesellschaft passiert, welche Veränderungen sich vollziehen, damit sie weiß, woran sie ist. Und das ist am besten durch sozialwissenschaftliche Forschung zu erreichen.

epd: Welche Erkenntnisse waren besonders überraschend?

Wegner: Vor einigen Jahren gab es eine große Klage, dass nur noch 80 Prozent aller evangelischen Kinder getauft würden. Das war eine ziemlich erschreckende Erkenntnis damals. Dem sind wir nachgegangen und konnten anhand differenzierter Untersuchungen feststellen, dass die 20 Prozent der Kinder, die nicht getauft wurden, die Kinder von Alleinerziehenden waren.

Wir konnten auch gut herausfinden, warum: Weil Alleinerziehende nicht über eine komplette Familie verfügen und sich deswegen nicht trauen, zum Pastor zu gehen und ihre Kinder zur Taufe anzumelden. Daraufhin hat die Kirche eine ganze Menge eingeleitet. Tauffeste und andere große Gelegenheiten, wo man die Kinder ein bisschen anonymer taufen konnte als bisher. Die werden auch gut angenommen.

epd: Welche Trends beobachten Sie derzeit?

Wegner: Was uns stark beschäftigt, ist die demografische Entwicklung. Die Generation der Älteren ist heute anders als in früheren Zeiten. Es gibt ein neues "drittes Lebensalter", wie wir das nennen: sehr interessierte und gut ausgebildete ältere Menschen, die für die Kirche ein großes Potenzial darstellen. Dem muss sich die Kirche aber öffnen. Sie kann mit den neuen Alten wachsen.

Ein anderes Arbeitsfeld ist die Armutsentwicklung in Deutschland. Wir haben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein Auseinanderdriften von Armut und Reichtum erlebt, das es bisher so nicht gab. Wir haben am unteren Ende der Lohnskala prekäre Arbeitsverhältnisse und Armutsverhältnisse. Darauf muss die Kirche reagieren.

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1.9.2011