"Plattdeutsch ist einfach schön" - Kinder lernen bei Freizeit die norddeutsche Regionalsprache / von Karen Miether (epd)

Nachricht 12. August 2011

Hermannsburg/Kr. Celle (epd). Leah findet Plattdeutsch einfach schön. "Moin, Moin, wo geiht di dat", fragt die Neunjährige nach, wie es denn so geht. "Ich kann Englisch, Hochdeutsch und Platt", unterstreicht sie, und das ist noch nicht einmal geprahlt. Seit einem Jahr lebt das Mädchen mit seiner Familie nahe Washington D.C. in den USA. Jetzt ist sie zu Besuch in ihrer deutschen Heimat und lernt bei einer Kinderfreizeit der evangelischen Kirche in Hermannsburg das Plattschnacken.

Eine Woche lang üben sich 15 Mädchen und Jungen in dem Heideort bei Celle in der norddeutschen Regionalsprache. Beim Basteln, wenn biblische Geschichten erzählt werden, oder sich alle abends auf die Spur von Fledermäusen begeben, soll möglichst nur Platt geredet werden. Freizeitleiter Reinhard Stolz fällt das manchmal selbst gar nicht leicht. "Ich gehöre noch zu der Generation, in der Eltern mit ihren Kindern nur Hochdeutsch gesprochen haben, aus Angst vor Problemen in der Schule", sagt der 55-jährige Pastor.

Die Zeiten, in denen Niederdeutsch als Mundart der einfachen Menschen verachtet wurde, sind vorbei. Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen sieht sogar einen umgekehrten Trend: "Es ist erfreulich, dass immer häufiger Kinder ganz selbstverständlich dem Plattdeutschen begegnen." Wie die Arbeitsgemeinschaft "Plattdüütsch in de Kark Niedersachsen-Bremen" mit ihren jährlichen Freizeiten versuchen viele, schon die Kleinen für die Sprache ihrer Groß- und Urgroßeltern wieder zu begeistern.

So fördert Goltz zufolge Mecklenburg-Vorpommern ein Projekt in Kindertagesstätten. In Schleswig-Holstein engagieren sich unter anderem das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeitsgemeinschaft Deutsches Schleswig für Mehrsprachigkeit in den Kitas, dabei wird in einigen Einrichtungen seit vielen Jahren auch Platt gesprochen. In Niedersachsen ist Ostfriesland die Hochburg der Plattdeutschen. 70 von insgesamt rund 240 Kindergärten seien dort zweisprachig, sagt Cornelia Nath vom Plattdütskbüro der Ostfriesischen Landschaft.

Auch in der Schule sei es mit einem neuen Erlass des Kultusministeriums leichter, "up Platt" zu unterrichten, erläutert Nath. In der Grundschule im ostfriesischen Simonswolde werde in einigen Klassen nur im Deutschunterricht noch Hochdeutsch gesprochen. "Die Erfahrungen sind sehr gut", unterstreicht die Expertin. "Auch Migrantenkinder kommen gut mit, denn viele von ihnen wachsen ja ohnehin mit mehreren Sprachen auf."

In Ostfriesland beherrscht Naht zufolge noch fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen Plattdeutsch. Insgesamt liege die Zahl in Niedersachsen aber unter einem Prozent. Auch der Bremer Institutsleiter Goltz warnt: "Die Sprache ist nach wie vor bedroht." Bei der Freizeit in Hermannsburg sind wie Hendrik (13) aus Barnstedt bei Lüneburg und Miriam (15) aus Rhade bei Zeven immerhin noch einige dabei, bei denen zu Hause noch Platt geredet wird.

Hendrik antwortet zwar oft Hochdeutsch, wenn sein Vater ihn auf Platt anspricht. "Wenn wir uns zum Beispiel über neue technische Geräte oder die Feuerwehr unterhalten, muss man sonst soviel umschreiben", meint er. Mit den anderen Kindern und Jugendlichen will er bei der Freizeit aber richtig üben. Denn Platt hat Vorteile ist er überzeugt: "Es kann von Dorf zu Dorf schon unterschiedlich sein, deshalb ist es nicht gleich falsch, wenn jemand anders spricht."

Außerdem klinge Platt oft freundlicher. "Schietwedder", nennt der 13-Jährige mit Blick auf die verregnete Fledermaus-Wanderung am Vorabend ein Beispiel. Und Miriam, die sich auch mit ihren Geschwistern nur Plattdeutsch unterhält, ergänzt: "Wir streiten uns nicht oft, aber wenn, dann nehmen wir hochdeutsche Schimpfwörter."

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12.8.2011