„Für die ganze Bevölkerung da sein“ - Stimmen aus der lutherischen Kirche in Norwegen

Nachricht 08. August 2011

Genf, 5. August 2011 (LWI) Auch gut zwei Wochen nach dem Attentat von Oslo und Utøya sind viele Norweger und die norwegischen Kirchen überwältigt von der grossen Solidarität aus der ganzen Welt. Die Kirche hat in diesen Tagen der Trauer und des Schmerzes eine besondere Rolle übernommen und so dazu beigetragen, dass viele Menschen in Norwegen mit ihrem Schmerz umgehen können.

„Man denkt an uns weltweit und betet für uns. Das tut uns gut in dieser Situation“, so Pfarrer Dr. Kjell Nordstokke, Professor für Diakonie an der Diakonhjemmet Høgskole in Oslo und ehemaliger Direktor der Abteilung für Mission und Entwicklung des Lutehrsichen Weltbundes (LWB). Die Kirche, so Nordstokke, habe in diesen Tagen eine gute und hilfreiche Rolle spielen können.

„Unsere Kirche hat einen heiligen Raum geschaffen und diesen Raum auch geöffnet. Das Meer von Blumen und Kerzen innerhalb und vor der Kathedrale von Oslo ist ein bewegendes Zeugnis dafür. Sodann hat unsere Kirche versucht, dem Unsagbaren eine Stimme zu verleihen und für die ganze Bevölkerung da zu sein.“

Schliesslich habe die Kirche auch in den letzten Tagen viel dazu gelernt, was ihre Verhältnis zu den Muslimen im Land anbelangt, nachdem erste Verdächtigungen in Richtung Moslem-Extremisten gegangen seien, fügte Nordstokke hinzu.

Zwei weitere Repräsentantinnen der weltweiten lutherischen Gemeinschaft schildern wie sie die Anschläge erlebt haben: Leitende Bischöfin Helga Haugland, LWB-Vizepräsidentin für die Region Nordische Länder, und Jenny Skumsnes Moe, LWB-Ratsmitglied, beide aus der Norwegischen Kirche.

Wir sind eine trauernde Nation
Zwei Wochen liegen hinter uns und wir sind immer noch eine trauernde Nation.

Es ist unfassbar, dass ein einzelner Mensch so furchtbare Handlungen gegen unschuldige Zivilpersonen richten kann. Wir hielten unser Land für sicher und friedlich, doch nun haben wir etwas anderes erlebt.

Trotz der Ereignisse und inmitten der Tragödie haben wir gesehen, wie unsere politischen Leitungsverantwortlichen mutig und mit Empathie aufgestanden sind – das ist von grosser Bedeutung.

Wir haben eine riesige Mobilisierung in allen Landesteilen wahrgenommen. Und überall war die Botschaft dieselbe: Liebe und Offenheit und Demokratie sind die Antwort auf den Terror.

In all dem haben wir auch ein wenig von der Angst erfahren, die den Menschen in anderen Teilen der Welt so wohl bekannt ist.

Die Kirchen waren in diesen Tagen wichtig: Menschen kamen in die Stille, zum Gebet, zu Gottesdiensten, um getröstet zu werden.

Die Norwegische Kirche empfing Beileidsbekundungen von Kirchen aus aller Welt. Vielen Dank, ihr Freundinnen und Freunde in der ganzen Welt. Euer Beistand ist uns in dieser schwierigen Zeit sehr wertvoll.

Leitende Bischöfin Helga Haugland Byfuglien, Norwegische Kirche; LWB-Vizepräsidentin für die Region Nordische Länder

Wir reagieren mit mehr Offenheit und mehr Demokratie
Da ich am 22. Juli in Oslo war, verfolgte ich die Entwicklung der Stunden des Grauens an jenem Tag genau, von dem Moment an, als wir noch hofften, dass die Explosion eine natürliche Ursache wie einen Gasleitungsschaden gehabt haben könnte, bis hin, als wir von der Bombe und der Zerstörung großer Gebiete im Stadtzentrum von Oslo hörten, und dahin, als Meldungen von der Schießerei auf Utøya durch Freunde, die mit ihren Freunden dort in Verbindung waren, und schliesslich durch die Medien hereinstürmten, und wir begriffen, dass die Zerstörungen durch die Bombenexplosion nur der Anfang gewesen waren.

Verwirrung, Fassungslosigkeit und die zunehmende Erkenntnis des Ausmasses des Albtraums, der sich vor uns zugetragen hatte, zeichnete jedes Gesicht in der Straße. Die Konfrontation mit der erschütternden Nachricht von annähernd 70 tot geschossenen Jugendlichen auf Utøya überstieg das Fassbare und erfüllte alle Herzen und Häuser mit schwerer Erschöpfung und Trauer über das unwiderrufliche Grauen, das wir nicht haben kommen sehen und nicht haben stoppen können – und es auch nie wieder ungeschehen machen können.

Durch einen Mann mit einer tödlichen Überzeugung und einem grausamen, unmenschlichen und nicht in Worte zu fassenden Terrorplan haben wir unsere Regierungsgebäude verloren. Viel schwerwiegender aber: Wir haben durch den Bombenanschlag und die Todesschüsse über 70 Menschen verloren. Menschen, die sich für Redefreiheit, für eine bessere Gesellschaft, für eine gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft einsetzten und arbeiteten. Dieser Verlust kann niemals aufgewogen werden, weder für die Familien und Freunde, noch für das Land und die Welt.

Wir werden auf jeden Fall als Gesellschaft und Gemeinschaft daran arbeiten, ihr Werk mit der tief verwurzelten Überzeugung von dessen Bedeutung weiterzuführen. Wir werden dafür arbeiten, dass so ein schreckliches Ereignis nie wieder geschieht.

Das ganze Land hat die Bedeutung von Leitungsfähigkeit wirklich verstanden und wir sind sehr stolz auf die Weise, in der unsere politischen Leitenden mit diesem Albtraum umgegangen sind, der das Herz der Sozialdemokratischen Partei getroffen hat, da es ihr Jugendlager war, das angegriffen wurde. Unser Premierminister [Jens Stoltenberg] hat immer wieder betont, wie wir reagieren werden: mit noch mehr Offenheit, mit mehr Demokratie, aber keineswegs naiv.

Die Kirchen hielten ihre Türen für Tausende von Menschen weit geöffnet, die kamen, um in der Stille inne zu halten, zu trauern oder jemanden zum Reden zu finden. Überall im Land wurden Gedenkgottesdienste gehalten und die Pfarrer und Pfarrerinnen bereiten sich nun für einige ihrer schwierigsten und mühevollsten Beerdigungen vor, die sie jemals gehalten haben.

Ich bin sehr berührt und bin stolz auf den Gemeinschaftssinn des norwegischen Volkes und darauf, wie wir danach zusammenstanden. Der „Rosen-Marsch“ zum Gedenken am 25. Juli, der allein in Oslo annähernd 200.000 Menschen und dazu Tausende in fast jeder Stadt im Land versammelte, war einzigartig in der Geschichte.

Wir haben geweint, wir haben gebetet, und ich denke, das werden wir auch weiterhin tun, aber wir werden auch damit fortfahren, für eine noch offenere Gesellschaft zu arbeiten.

Jenny Skumsnes Moe, LWB-Ratsmitglied, Norwegische Kirche

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Der LWB ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegründet, zählt er inzwischen 145 Mitgliedskirchen, denen rund 70 Millionen ChristInnen in 79 Ländern weltweit angehören. Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. ökumenische und interreligiöse Beziehungen, Theologie, humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit. Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz).
 

Lutherische Weltinformation (LWI) 8.8.2011