Breiter gesellschaftlicher Protest gegen Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf - Rechtsextremisten ziehen an jüdischer Gemeinde vorbei

Nachricht 05. August 2011

Bad Nenndorf/Kr. Schaumburg (epd). Rund 900 Menschen haben am Samstag nach Angaben der Polizei unter dem Motto "Bad Nenndorf ist bunt" gegen einen Neonazi-Aufmarsch protestiert. Noch bis zum Nachmittag wird in der Stadt mit rund 700 Rechtsextremen aus dem ganzen Bundesgebiet gerechnet. Die Route ihres sogenannten "Trauermarsches" führt in diesem Jahr erstmals an den Gebetsräumen einer jüdischen Gemeinde vorbei. Die mittägliche Sabbatfeier mit rund 80 Teilnehmern musste dort unter Polizeischutz stattfinden.

Zahlreiche Christen besuchten die jüdische Gemeinde aus Solidarität. Für die Gäste wurde die Sabbatfeier eigens in deutscher Sprache gehalten. Marina Jalowaja, Gemeindevorsitzende der jüdischen Gemeinde, begrüßte die Besucher der Gebetsräume in der Bahnhofstraße und dankte ihnen für diese nach ihren Worten sehr wichtige Geste.

Der evangelisch-lutherische Oberlandeskirchenrat Rainer Kiefer brachte gegenüber den jüdischen Gemeindemitgliedern seine Solidarität zum Ausdruck. "Wir sind auf einander angewiesen", sagte der für Ökumene und Weltverantwortung zuständige Theologe. Der evangelisch-lutherische Superintendent Andreas Kühne-Glaser sagte: "Das christliche Kreuz hat keine Haken. Es verpflichtet uns, deutlichen Protest und Widerstand zu leisten." Er rief alle Beteiligten zur Gewaltlosigkeit auf.

Die Bürgermeisterin der Stadt, Gudrun Olk, hob hervor, dass die Rechtsextremisten in der Stadt nicht willkommen sind: "Ein normales gesellschaftliches Leben ist in dieser Stadt heute nicht möglich", sagte sie auf der zentralen Kundgebung des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" und des DGB. Geschäfte hätten geschlossen, Hochzeiten seien verschoben, Familienfeste abgesagt. Sie sei irritiert und verärgert, dass ihr Prostestschreiben an den niedersächsischen Innenminister Uwe Schünemann (CDU) unbeantwortet geblieben sei.

Der Vorsitzende der DGB-Region Niedersachsen-Mitte, Andreas Gehrke, betonte, dass der Protest gegen die Aufmärsche fortgesetzt werden müsse. Er rief den Neonazis zu: "Eure sogenannten Trauermärsche sind eine Verhöhnung der Opfer, die eure Vorbilder abgeschlachtet haben." Es sei untragbar, dass die Ideologie der Nazis durch die Meinungsfreiheit geschützt sei: "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen", sagte Gehrke.

Der Protest gegen den Nazi-Aufmarsch hatte bereits am Freitagabend begonnen. Rund 700 Teilnehmer verbanden nach DGB-Angaben mit einer Menschenkette den Bahnhof mit dem Wincklerbad. Zu einem morgendlichen ökumenischen Gottesdienst im Stadtpark waren am Samstag rund 350 Teilnehmer gekommen. Dort wurden Texte aus jüdischer, katholischer und evangelischer Glaubenstradition verlesen. Die Geistlichen riefen gemeinsam dazu auf, die Neonazis nicht als Menschen zu verurteilen, gleichwohl aber gegen ihre Überzeugungen einzutreten. "Wir dürfen diese jungen Menschen nicht aufgeben oder in der rechten Ecke vergessen", sagte der Theologe Kiefer.

Seit sechs Jahren treffen sich Rechtsextreme in dem Kurort nahe Hannover zu einem jährlichen "Trauermarsch". Die aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Neonazis erinnern nach eigenen Angaben an Folterungen führender Nationalsozialisten im Bad Nenndorfer Wincklerbad. Zwischen 1945 und 1947 befand sich hier ein britisches Militärgefängnis. Die Misshandlungen sind dem DGB zufolge damals umgehend geahndet und von der Öffentlichkeit in Großbritannien verurteilt worden. Die Neonazis nutzen die "Trauermärsche" um ihre rechtsextreme Propaganda zu verbreiten. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894 - 1987) im vergangenen Monat gilt Bad Nenndorf als einer der letzten "Wallfahrtsorte" der Neonazis.

Internet: www.bad-nenndorf-ist-bunt.com

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

6.8.2011

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Bad Nenndorf (epd). Mit einer Menschenkette haben Vertreter von mehr als 25 Organisationen in Bad Nenndorf bei Hannover am Freitagabend ein erstes Zeichen gegen einen Aufmarsch von Rechtsextremen gesetzt. Nach Angaben des niedersächsischen Verfassungsschutzes werden am morgigen Sonnabend rund 1.000 Neonazis mit einem sogenannten "Trauermarsch" zum Nenndorfer Wincklerbad ziehen. Die rund 2.000 erwarteten Gegner des Marsches planen mit einem ökumenischen Gottesdienst, Kundgebungen und privaten Festen Gegenaktionen.

Besondere Brisanz liegt nach Angaben des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" darin, dass die Marschroute der Neonazis erstmals an einem jüdischen Gemeindezentrum vorbeiführt. Für ihre Sabbatfeier werden die Gemeindemitglieder nach Behördenangaben unter Polizeischutz gestellt. Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche hätten zugesagt, den Tag an ihrer Seite zu verbringen.

Im Wincklerbad, das heute von der Kurverwaltung genutzt wird, befand sich von 1945 bis 1947 ein britisches Militärgefängnis für Nazis. Dort sollen Gefangene auch gefoltert worden sein. Diese Misshandlungen sind dem DGB zufolge damals umgehend geahndet und von der Öffentlichkeit in Großbritannien verurteilt worden. Nachdem das Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß (1894-1987) im oberfränkischen Wunsiedel aufgelöst wurde, gilt Bad Nenndorf als letzter "Wallfahrtsort" für Rechtsextreme.

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5.8.2011