Flüchtlinge in Somalia: Lutherischer Weltbund intensiviert Hilfe

Nachricht 14. Juli 2011

Dadaab (Nordostkenia)/Genf, 14. Juli 2011 (LWI) – Befragungen durch Mitarbeitende des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Flüchtlingslager Dadaab haben ergeben, dass die neu ankommenden Flüchtlinge aus dem Nachbarland Somalia im Schnitt zwei Wochen zu Fuss unterwegs sind bis sie das Flüchtlingslager erreichen.


„Die meisten Neuankömmlinge sind dehydriert und haben grossen Hunger. Vielen fehlt es an Kleidung und sie kommen barfuss“, erklärt Lennart Hernander, Vertreter der LWB-Abteilung für Weltdienst (AWD) im Kenia/Dschibuti-Programm.

Der LWB verwaltet das Flüchtlingslager im Auftrag des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) und füllt Lücken, die durch die hohe Zahl an neuankommenden Flüchtlingen – geschätzte 1.300 jeden Tag – auftreten.

Der Hauptgrund für die Menschen, aus Somalia zu fliehen ist die anhaltende Dürre, die zu Missernten geführt hat und die Tiere sterben liess, in Kombination mit der wachsenden Unsicherheit im Land. Die Zahl der täglich neu ankommenden Flüchtlinge begann Anfang 2011 zu steigen und ist inzwischen sprunghaft angestiegen. Insgesamt wurden in den drei Flüchtlingslagern, die das Flüchtlingslager Dadaab umfasst (Dagahale, Ifo und Hagadera), zwischen Januar und Mai 2011 46.852 Neuankömmlinge registriert. Allein im Juni seien weitere 38.514 Flüchtlinge aufgenommen worden, sagt der LWB-Vertreter über das 20 Jahre alte Flüchtlingslager, in dem nun rund 360.000 Menschen leben.

Die grosse Anzahl an Flüchtlingen verlangsamt auch den Registrierungsprozess, für den ursprünglich drei Tage eingeplant waren – vom ersten Kontakt in den Empfangszentren über die Registrierung bis hin zu der Aufnahme in das Lager, wo die Menschen Nahrungsmittel, andere Hilfsgüter und Feuerholz erhalten. Derzeit bekommt jeder Flüchtling vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) in den Empfangszentren eine Zwei-Wochen-Ration trockene Lebensmittel und verschiedene andere Hilfsgüter wie Töpfe, Matten, Benzinkanister und Plastikplanen. Die Verzögerungen in der Bearbeitung bedeuten, dass viele Flüchtlinge, die noch keine Zelte oder andere Hilfsgüter erhalten haben, in kleinen, unsicheren provisorischen Notunterkünften leben müssen.

Die örtliche Bevölkerung in Dagahaley habe durch ihre religiösen Führungspersonen mit Kleidung und Schuhen ausgeholfen, aber es fehle immer noch sehr viel, erklärt Hernander. Er wies auf die bei den Kindern weit verbreitete Mangelernährung hin. Von den 6.548 Kindern unter fünf Jahren, die im Juni in den Empfangszentren des Lagers untersucht wurden, waren 17 Prozent mässig unterernährt, 10,5 Prozent schwer unterernährt und 2,25 Prozent litten an schwerer Unterernährung mit medizinischen Komplikationen.

Bei Ankunft der Flüchtlinge unternimmt der LWB eine „Bewertung der Verwundbarkeit“, um Personen mit Behinderungen, Personen, die sozial verwundbar sind, Familien, in denen die Mutter das Familienoberhaupt ist, Minderjährige ohne Begleitung, getrennte Kinder und ältere Personen ohne Begleitung herauszufiltern. Diese Personengruppen, die am verwundbarsten sind, werden bei der Registrierung und der Ausstellung von Berechtigungskarten für Lebensmittelrationen bevorzugt behandelt.

Mit den beteiligten Partnerorganisationen werde derzeit darüber diskutiert, wie die Systeme zur Überprüfung, Identifizierung und Weiterleitung in den Empfangszentren und Dokumentationspunkten verbessert werden könnten, damit geeignete Hilfe und Folgemassnahmen in den drei Lagern unternommen werden können, erläutert Hernander. Der LWB errichtet provisorische Strukturen an den Registrierungspunkten, um in Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen zu beurteilen, wer zu den verwundbarsten Personengruppen zählt. Nach der Zuordnung besuchen die LWB-SozialarbeiterInnen die Menschen in ihren Unterkünften und empfehlen weitere Hilfsleistungen.
Der LWB hat ausserdem neun Tonnen eines Mehlmixes beschafft, mit dem Kinder und ältere Menschen ernährt werden können, die als zu schwach eingestuft wurden, um trockene Nahrung zu sich zu nehmen. Auch die Verteilung von Kleidung, Latschen und Hygieneartikel für Frauen ist geplant.

Der Zugang zu Wasser ist auch weiterhin eine der grössten Herausforderungen für die BewohnerInnen des Flüchtlingslagers und die örtliche Bevölkerung, da es nur wenige Wasserhähne gibt und nur eine begrenzte Menge an Wasser aus den bestehenden Bohrlöchern gepumpt werden kann. Zusätzlich zu den Hauptpartnern, die für die Versorgung mit Wasser sorgen, hat der LWB begonnen als kurzfristige Hilfsmassnahme mit einem 7.000 Liter fassenden LKW Wasser zu liefern.
Hernander erklärt, es gebe Pläne, den koordinierten Austausch von Informationen zu verbessern, um alle neu angekommenen Flüchtlinge, die sich in der Umgebung niedergelassen haben, zu erreichen. Ziel ist, lebensrettende Massnahmen, wie zum Beispiel das Bewusstsein für Mangelernährung und den Zugang zu grundlegenden Diensten, zu betonen.

Der UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen) hat den LWB gebeten, den Flüchtlingen ausserhalb des Lagers in Absprache mit der örtlichen Bevölkerung in koordinierter Weise grundlegende Dienste wie die Zuweisung eines Stück Bodens für Familien, Wasser- und Sanitärversorgung, Gesundheitsversorgung, Notunterkünfte, Bildung und Sicherheit anzubieten.
Hernander erzählt, es gebe Berichte, dass in dem somalischen Ort Dhobley nahe der kenianischen Grenze weiterhin jeden Tag mehrere Hundert neue Flüchtlinge ankommen. „Es ist wahrscheinlich, dass diese Menschen versuchen werden, ihren Weg über die Grenze fortzusetzen und nach Dadaab zu kommen“, fügt er hinzu.

Hernander weist darauf hin, dass es die derzeitige Sicherheitslage nicht erlaube, den Flüchtlingen entlang der an der Grenze zu Somalia verlaufenden Flüchtlingsroute Hilfe zu leisten. Der LWB wird an einer für die kommende Woche geplanten gemeinsamen Mission des „UNHCR Protection Team“ (Sicherheitsteam des UNHCR) nach Liboi (Kenia) teilnehmen, das 18 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt liegt.

Der Vertreter des LWB brachte seine Dankbarkeit für die Unterstützung zum Ausdruck, die sie unter anderem vom ACT-Bündnis, einer weltweiten humanitäre Hilfsorganisation, in der auch der LWB Mitglied ist, erhalten, um denen zu helfen, die von der Dürre betroffen sind und die vor der Unsicherheit fliehen.

Unterstützen Sie die Antwort des LWB auf die somalische Flüchtlingskrise: http://www.lutheranworld.org/lwf/index.php/donate-somali-refugee-crisis.html?lang=de

Der LWB ist eine Gemeinschaft lutherischer Kirchen weltweit. 1947 in Lund (Schweden) gegründet, zählt er inzwischen 145 Mitgliedskirchen, denen rund 70 Millionen ChristInnen in 79 Ländern weltweit angehören. Der LWB handelt als Organ seiner Mitgliedskirchen in Bereichen gemeinsamen Interesses, z. B. ökumenische und interreligiöse Beziehungen, Theologie, humanitäre Hilfe, Menschenrechte, Kommunikation und verschiedene Aspekte von Missions- und Entwicklungsarbeit. Das LWB-Sekretariat befindet sich in Genf (Schweiz).

Lutherische Welt-Information (LWI), 14.7.2011