"Wir sind da, wenn nichts mehr geht" - Grundausbildung für ehrenamtliche Notfallseelsorger startet in Niedersachsen - Von Charlotte Morgenthal

Nachricht 11. Juli 2011

Hannover (epd). Die Bilder in ihrem Kopf wird Helga Nolte so schnell nicht wieder los. Jemand hat sich zu Hause, in der eigenen Wohnung, das Leben genommen. Die ehrenamtliche Notfallseelsorgerin war mit den Rettungskräften vor Ort. "Das ist für die Angehörigen ein ganz fürchterliches Gefühl, das sprachlos und hilflos macht", erzählt die 49-Jährige. "Im Falle eines Suizids kämpfen die Hinterbliebenen oft mit Schuldgefühlen und suchen nach Erklärungen."

Wie ehrenamtliche Notfall-Helfer mit solchen Situationen umgehen, können sie vom nächsten Jahr an in Niedersachsen systematisch lernen. In der Region Hannover will die evangelische Notfallseelsorge erstmals eine Grundausbildung für Ehrenamtliche ohne seelsorgerliche Vorbildung anbieten. Ein ähnliches Modell gibt es bereits im katholischen Bistum Osnabrück.

Zu Helga Noltes Aufgaben gehört es, die Hinterbliebenen im Falle eines plötzlichen Todes zu begleiten und zu unterstützen. Bevor sie mit dem Auto zum zu einem Unfallort oder zum Haus der Angehörigen fährt, hat sie durch die Rettungsleitstelle bereits erste Angaben über den bevorstehenden Einsatz erhalten. Vor Ort wird sie von Polizei, Feuerwehr oder Rettungskräften dann genauer informiert. Gemeinsam mit den Betroffenen überlegt sie, was jetzt sinnvoll ist.

Manchmal genügt es, einfach nur da zu sein und die Betroffenen mit ihrem Schock nicht allein zu lassen. Ein anderes Mal vermittelt sie Beratungsangebote oder organisiert Hilfe durch Verwandte oder Freunde. Und manchmal begleitet sie die Hinterbliebenen, wenn sie von ihrem gestorbenen Angehörigen Abschied nehmen.

In ihrer vierjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit hat die Seelsorgerin rund 40 Einsätze erlebt. "Wir sind da, wenn nichts mehr geht, und wir bleiben, so lange unsere Unterstützung nötig ist." Auf Wunsch auch dann, wenn die Rettungskräfte wieder abziehen. Ein solcher Einsatz kann eine Stunde dauern, aber auch drei oder mehr.

Wenn die Menschen alleinstehend sind, bespricht Helga Nolte mit ihnen, wie weitere Schritte und der nächste Tag organisiert werden können. Die Notfallseelsorger arbeiten in einem ökumenischen Team und stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Ihre 24-stündigen Bereitschaftsdienste hat die berufstätige Sozialpädagogin Nolte daher auf das Wochenende gelegt.

Seit etwa zehn Jahren werden Ehrenamtliche in Hannover für ihre Einsätze von Hauptamtlichen angeleitet. "Das ganze Leben der Betroffenen ist völlig aus dem Gleis", erläutert Pastor Reinhard Feders, der die Ausbildung der Notfall-Seelsorger koordiniert. "Alles, was half, den Alltag zu bewältigen funktioniert nicht mehr."

Die hannoversche Notfallseelsorge sucht nun nach weiteren Ehrenamtlichen. Bis zum Dezember 2011 können sich 27- bis 62-Jährige aus Niedersachsen für die Grundausbildung mit 180 Unterrichtsstunden bewerben. "Dabei geht es beispielsweise um Fragen, wie ich in so eine Situation hineinkomme und wie Menschen in solchen belastenden Momenten reagieren können", sagt Feders.

Nicht jeder sei aber für eine solche Tätigkeit geeignet, betont der Ausbilder. "Wer ein Helfersyndrom hat, ist hier falsch." Zudem müsse ein Bewerber in der Lage sein, chaotische Situationen schnell zu strukturieren.

Für Helga Nolte ist die Autofahrt nach Hause eine Art Ritual geworden, um sich von dem gerade Erlebten zu distanzieren. Wenn das nicht gelingt, sucht sie in der Supervision den Rat von Kollegen. "Manchmal hilft auch ein langer Spaziergang, um das Erlebte zu verarbeiten."

Internet: www.notfallseelsorge.de

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11.7.2011