Vom Kruzifix bis zum Fan-Altar - Hildesheimer Studenten erarbeiten Buch über persönliche Hausaltäre

Nachricht 29. Juni 2011

Von Petra Neu (epd)

Hildesheim (epd). Kathrin Bach weiß, was dem Obdachlosen Siggi aus Hildesheim heilig ist. "Jeden Abend, wenn er sein Nachtlager aufbaut, stellt er ein Foto seiner toten Ehefrau auf", berichtet die 22-jährige Studentin der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim. "Und daneben legt er ihre alte Bibel." Die kleine Erinnerungsecke von Siggi ist Teil eines Projektes, bei dem Studenten sich mit klassischen und modernen "Hausaltären" beschäftigten. Unter dem Titel "Hildesheimer Herrgottswinkel" ist daraus ein 160 Seiten starkes Buch entstanden.

In dem Buch gehe es nicht nur um traditionelle Herrgottswinkel mit Bibel und Kreuz, erläutert Stephanie Drees, wissenschaftliche Hilfskraft und Co-Autorin des Werkes. "Wir fahndeten nach Orten des persönlichen Gedenkens, nach Gegenständen, hinter denen sich Verehrung, Erinnerung oder kleine private Mythen verstecken." Und so erzählt das Buch Geschichten von Fan-Altären für Schalke 04 und "Star-Trek" von Schlümpfen, die den Weg weisen, von kleinen Gedenk-Ecken in LkW-Fahrerkabinen oder von Menschen, die ihr Heiligstes nicht sehen, sondern nur fühlen können. Soldaten wurden befragt, welche persönlichen Dinge sie mit nach Afghanistan nehmen.

"Ich wollte mit jemandem reden, von dem man erst einmal gar nicht denkt, dass er eine Erinnerungsecke hat", sagt Studentin Bach. Über eine Beratungsstelle habe sie den Kontakt zu Siggi gefunden. Bach ist beeindruckt von der Offenheit, mit der der Obdachlose seine Geschichte erzählt. Sie handelt davon, wie seine schwangere Frau vor knapp 40 Jahren bei einem Autounfall verbrennt. Noch heute trage Siggi einen Zettel mit einer Notiz seiner Ehefrau bei sich. "Den hütet er wie seinen Augapfel", sagt Bach. Eine eigentlich unwichtige Notiz, die sein Leben erzählt.

"Wir wollten wissen, ob es die klassische religiöse Praxis mit Hausaltären noch gibt und ob sie durch Alltagsgegenstände abgelöst oder erweitert wird", sagt Co-Autorin Drees. Mehr als 20 Studenten nahmen an dem Projektsemester unter dem Motto "Glauben machen" teil. Dabei entstand eine Mischung aus heiteren, aber auch nachdenklichen journalistischen Texten über Menschen aus der Region. "In Altenheimen etwa geht es bei solchen Gedenkstätten häufig noch um Kriegserfahrungen und Vertreibung." Auch Menschen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, richteten sich häufig eine Art modernen Hausaltar ein.

Oft sei sie überrascht worden, berichtet die Studentin Bach. Etwa von einem Befragten, der sich beruflich mit Liturgien beschäftigt. "Der ist zwar vertraut mit religiösen Zeremonien, aber zu Hause stand kein Kreuz in der Ecke, sondern ein Fan-Altar zu Ehren des Autors Walter Kempowski, mit signierten Büchern." Im Zimmer eines kleinen Jungen hätten Studenten dagegen eine christlich geschmückte Ecke entdeckt, in der der Achtjährige betet. Solche Hausaltäre seien nicht unbedingt altersgebunden, sondern sehr individuell, meint Bach.

"Ich bin von den Texten und dem sensiblen Umgang der größtenteils kirchenfernen Studenten mit Glaubensthemen begeistert", sagt Nora Steen, evangelische Pastorin in der Hildesheimer Citykirche St. Jakobi. Das Buch sei ein Dokument eines säkularen Zugangs zu Glaubensthemen. "Es ist für mich richtungsweisend, wie wir als Kirche in Zukunft Zugang zu dem finden können, was Menschen im Innersten bewegt." Für Herrgottswinkel braucht es nicht unbedingt ein Kreuz in der Ecke, sagt Studentin Bach. "Jeder Gegenstand kann eine Geschichte erzählen."

Hinweis: Annett Gröschner, Stephanie Drees (Hg.): Hildesheimer Herrgottswinkel, Zentrum für Kreatives Schreiben, Hildesheim 2011, 160 Seiten, 9,90 EUR

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