Ägyptische Christen erhoffen sich Anregungen aus Deutschland

Nachricht 07. Juni 2011

Hannover (epd). Vier Monate nach dem Sturz des Mubarak-Regimes in Kairo erhoffen sich ägyptische Christen Anregungen aus Deutschland beim Umbau des Staates. "Was wir in Ägypten brauchen, ist politische Bildung", sagte die Bankdirektorin Noha Adel Fahmy am Montagabend in Hannover bei einer Podiumsdiskussion der Hanns-Lilje-Stiftung. Die junge Frau gehörte im Januar und Februar zu den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Die Ägypter seien besonders interessiert zu hören, welche Erfahrungen die Deutschen nach der friedlichen Revolution von 1989 gemacht hätten.

Eines der größten Probleme in Ägypten sei der Analphabetismus. "Die Hälfte der Menschen kann nicht lesen und nicht schreiben", sagte die koptische Christin. "Und die andere Hälfte kann zwar lesen und schreiben, weiß aber nicht, wie Politik funktioniert und wie Wahlen funktionieren."

Begeistert berichtete Fahmy über die Demonstrationen während des "ägyptischen Frühlings": "Alle waren da: Christen, Muslime, Menschen aus verschiedenen Klassen. Wir haben keine Unterschiede gespürt. Wir hatten ein klares, gemeinsames Ziel: ein neues Ägypten." Ernüchtert fügte sie hinzu: "Inzwischen hat jeder sein eigenes Ziel. Aber die Revolution ist nicht zu Ende."

Die koptische Christin Nihad Nabil Fares, Direktorin eines Kinderhilfswerks in Kairo und ebenfalls Mitdemonstrantin auf dem Tahrir-Platz, kann sich eine Übergangsregierung des Militärs bis zum Start eines demokratischen Ägypten vorstellen. "Wir brauchen Zeit, die armen Menschen auszubilden." Momentan habe die Muslim-Bruderschaft Vorteile: "Sie haben Geld und einen hohen Grad an Organisation. Sie sagen den Leuten, was sie tun sollen." Fares rief die Deutschen auf, nach Ägypten zu kommen, um den Tourismus wieder anzukurbeln.

Der Vizepräsident der protestantischen Kirchen in Ägypten, Andrea (rpt. Andrea) Zaki, zeigte sich besonders interessiert am deutschen Modell der Zusammenarbeit von Staat und Religion: "Wir wollen einen säkularen Staat, aber nicht nach britischem oder französischem Vorbild." Muslime und Christen in Ägypten seien sehr religiös. "Das deutsche Modell könnte sehr hilfreich für uns sein, denn dort hat auch die Kirche ihren Platz." In Deutschland arbeiten Staat und Kirche etwa im Sozialwesen oder bei der Bildung zusammen, während sie etwa in Frankreich strikt getrennt sind.

Seine Mitarbeiterin Samira Louka Daniel vom koptisch-evangelischen Sozialwerk CEOSS berichtete von zahlreichen Anschlägen auf Christen nach dem Umsturz. "Früher wurden wir durch die Regierung diskriminiert, jetzt von anderen Gemeinschaften." Zwar hätten die Christen jetzt Freiheit, aber auch die Muslimbruderschaft oder die radikalen Salafisten. Die Situation sei sehr kritisch. Niemand wisse, wie es weitergehe.

Die Delegation aus Ägypten war von der evangelischen Hanns-Lilje-Stiftung nach Deutschland eingeladen worden. Christen aus Ägypten und Deutschland pflegen seit 2003 einen intensiven Austausch, organisiert von der Evangelischen Akademie Loccum in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
 

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7.6.2011