Nachrichten vom Kirchentag

Nachricht 04. Juni 2011

Mehr Dialog zwischen Christentum und Islam gefordert

Dresden/Hermannsburg/Kr. Celle (epd). Beim evangelischen Kirchentag haben Vertreter von Christen und Muslimen für einen verstärkten Dialog zwischen den Religionen geworben. Dabei dürfe auch der Übertritt von der einen Glaubensgemeinschaft in die andere kein Tabuthema sein, wie es im Islam zum Teil der Fall sei, sagte Missionsdirektorin Martina Helmer Pham-Xuan aus Hermannsburg bei Celle am Freitag in Dresden auf einem Podium zum Thema "Stolpersteine zwischen den Religionen". Dazu reichten offizielle Erklärungen nicht aus, das Miteinander müsse sich im Alltag bewähren.

Die Direktorin des Evangelisch-lutherischen Missionswerkes berichtete von Übergriffen radikaler muslimischer Fundamentalisten auf christliche Gemeinden in Äthiopien, wo die Religionen über Generationen friedlich miteinander gelebt hätten. Der Staat habe die Kirchen bei der Aufklärung dieser Taten unterstützt. Die evangelische Kirche in dem afrikanischen Land gehört zu den wachsenden protestantischen Kirchen in der Welt. Im Gespräch über die eigenen Überzeugungen könnten Christen und Muslime gemeinsam etwas bewegen, sagte Helmer-Pham Xuan.

Der stellvertretende Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), Ali Dere, verwies auf eine Erklärung, die die evangelischen Kirchen in Hessen und drei muslimische Verbände im Mai verabschiedet haben. Darin bejahen sie unter anderem das Recht, die Religion friedlich zu wechseln. "Glaube ist Überzeugung. Überzeugung geschieht nicht durch Zwang", betonte Dere.

Die Leipziger Soziologin Monika Wohlrab-Sahr unterstrich, in Deutschland sei es für Christen noch neu, dass sie sich neben anderen Religionen behaupten müssten. In der Nachkriegszeit habe es in einigen Regionen Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten gegeben. "Aber wir haben keine Erfahrungen mit anderen starken Religionen in Europa."

Der emeritierte Marburger Theologieprofessor Hans-Martin Barth warb dafür, keine Schranken zu errichten. "Wir richten keine Mauern auf, damit niemand unser Paradies verlässt." Für das Christentum seien schon zahlenmäßig nicht die Konvertiten zum Islam ein Problem, erläuterte er. "Das Problem sind diejenigen, die sich insgesamt von Kirche und Glauben verabschieden."

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Bischof Ulrich: Rechtsextremismus ist Gotteslästerung - Hannoverscher Friedensbeauftragter ist für gewaltfreie Blockaden gegen Nazi-Demonstrationen

Dresden/Hannover (epd). Der Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich hat die Christen in Deutschland aufgefordert, gegen Rechtsextremismus Position zu beziehen. "Rechtsradikale Gedanken sind menschenfeindlich. Und weil der Mensch ein Ebenbild Gottes ist, handelt es sich um Gotteslästerung", sagte Ulrich am Freitag beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Darüber aufzuklären sei auch für die Kirche ein riesiger Bildungsauftrag in Kindertagesstätten, bei Konfirmanden und in der Erwachsenenarbeit. "Da haben wir noch eine gute Wegstrecke vor uns, aber auch eine große Chance", sagte der Theologe.

Der Bischof rief zur stärkeren Beteiligung an Demonstrationen gegen rechtsextreme Aufmärsche auf. Dabei wandte er sich gegen jede Form von Gewalt. Noch wichtiger als Demonstrationen oder Sitzblockaden sei es jedoch, insgesamt mit rechtsextremistischem Gedankengut aufzuräumen.

Am Rande der Veranstaltung im Dresdner Kongresszentrum wurde diskutiert, ob neben Demonstrationen und Friedensgebeten auch Blockaden ein Mittel gegen rechtsextreme Demonstrationszüge sein können. Der Friedensbeauftragte der hannoverschen Landeskirche, Pastor Klaus Burckhardt, sagte dem epd, Friedensgebete seien die Grundlage. "Es ist aber auch wichtig, zu zeigen, Nazis haben hier keinen Ort."

Er persönlich halte Blockaden für eine gewaltfreie Form des Protestes. Allerdings habe er auch Verständnis für Polizisten, die das Demonstrationsrecht durchsetzen müssten, sagte Burckhardt. Der Pastor vertrat in Dresden die Initiative "Kirche für Demokratie - gegen Rechtsextremismus" in der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland.

Der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Brähler warnte die etablierten Parteien in Deutschland davor, latent vorhandene rechtsextreme Einstellungen der Bürger im Wahlkampf aufzugreifen. "Die Parteien müssen sich sehr zurückhalten, mit diesen Stimmungen zu spielen", sagte er. Rechtsextreme Einstellungen seien in der Mitte der Gesellschaft heimisch.

Der Journalist und Rechtsextremismusexperte Andreas Speit aus Hamburg sagte, es sei eine Illusion, dass Deutschland wegen seiner Vergangenheit immun gegen rechtsextremes Gedankengut sei. "Die NPD und die freien Kameradschaften haben längst ein Gespür gefunden, unsere Köpfe und auch unsere Herzen zu erreichen", warnte er.

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Friedensforscher und Theologen uneins über den Einsatz von Gewalt

Dresden/Bremen (epd). Beim evangelischen Kirchentag in Dresden sind sich Friedensforscher und Theologen nicht darüber einig, ob Krisen wie in Libyen und Afghanistan mit oder ohne Gewalt gelöst werden sollten. So plädierte der Norweger Friedens- und Konfliktforscher Johan Galtung am Freitag in einem Diskussionsforum dafür, dass die Nato im Konflikt um Libyen militärisch nicht eingreift. Der russisch-orthodoxe Metropolit Hilarion hielt dem entgegen, Christen könnten nicht ausschließen, Menschen genauso wie Recht und Ordnung mit Waffen zu verteidigen.

Radikaler Pazifismus sei Christen fremd, betonte Hilarion. "Wir müssen Pazifisten sein, aber auch Realisten." Die Welt sei vom menschlichen Bösen geprägt. "Wir müssen daran arbeiten, dass sie sich nicht in eine Hölle verwandelt." Während Hilarion den Einsatz von Waffen zum Schutz der Aufständischen in Libyen nicht ausschließt, setzt Galtung genauso wie der Bremer Friedensforscher Dieter Senghaas auf Dialog und Verständigung.

"Libyen gehört den Libyern", betonte Galtung, dem 1987 für seine Arbeit auf dem Gebiet der Friedensforschung der Alternative Nobelpreis verliehen wurde. Senghaas ergänzte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt solle die Nato die Flugzeuge abziehen und nicht weiter intervenieren. Beim notwendigen Dialog der Konfliktparteien könne das Ausland "vielleicht mit 100 Moderatoren helfen". Senghaas räumte allerdings ein, ob das funktioniere, "ist völlig offen".

Nach Auffassung des anglikanischen Theologen Nicholas Sagovsky (London) müssen Waffen eingesetzt werden, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, den Frieden zu schützen. Doch Gewalt müsse "so minimal angewandt werden wie irgend möglich".

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, sah es ähnlich. Frieden sei auf Recht angewiesen und das Recht wiederum sei darauf angewiesen, dass es durchgesetzt werde: "Dann kann es möglich sein, dass Gewalt angewendet werden muss." Das sei aber eigentlich keine militärische, sondern eine polizeiliche Aufgabe.

Brahms, der auch leitender Theologe der Bremischen Evangelischen Kirche ist, widersprach Hilarion und sagte, das Christentum kenne sehr wohl radikal-pazifistische Strömungen wie etwa die Mennoniten. Für ihn seien sie "der Stachel im Fleisch meiner eigenen Friedensethik".

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